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gandalf  offline
Ehrenmitglied


Beiträge: 44.011
 

20.04.2010 15:36
Soziologin appelliert an Vernunft und Menschlichkeit Beitrag melden · PN an Verfasser · Beitrag zitieren · antworten


Zitat von: Neue Westfälische

Bielefeld. "Geld kann man nicht essen", sagt Veronika Bennholdt-Thomsen. In ihrem neuen Buch kritisiert die Soziologin aus Bielefeld die Kultur der Geldökonomie als "Zwangsjacke" und erklärt, wie wir diese ausziehen können: "Indem wir unseren Blick wieder auf das richten, was notwendig ist zum Leben", sagte sie im Gespräch mit Nicole Hille-Priebe.

Frau Bennholdt-Thomsen, Sie sind Geisteswissenschaftlerin. Könnten Sie sich selbst versorgen, wenn es sein müsste?
VERONIKA BENNHOLDT-THOMSEN: Ich habe zehn Jahre auf einem Bio-Hof gearbeitet und dort alles gelernt, was man wissen muss. Außerdem bin ich auf dem Land aufgewachsen, mein Vater war Dorfschullehrer. Ich bin manchmal selbst erstaunt, was ich als Kind fast schon intuitiv mitgekriegt habe.

Wenn man sich die globale Entwicklung der Landwirtschaft betrachtet: Sehen Sie da konkrete Möglichkeiten für den Subsistenzgedanken, also Selbstversorgung?
BENNHOLDT-THOMSEN: Auf jeden Fall! Im Senegal will man beispielsweise nach den Nahrungskrisen des globalisierten Agrarmarktes bei der Reisproduktion zur nationalen Selbstversorgung zurückkehren. Das ist gut. Schlecht ist nur, dass man dort dennoch industriell gewonnenes Saatgut nutzt und nicht das, was ursprünglich in Afrika angepflanzt und gegessen wurde, nämlich Hirse oder andere herkömmliche Getreidesorten. Selbstversorgung auf regionaler Ebene wird heutzutage besonders in Lateinamerika praktiziert – aufgrund der Weltmarktentwicklung und deren Folgen für die Landwirtschaft vor Ort. Ich habe ab Mitte der 1960er Jahre in Mexiko hautnah mitbekommen, welche Auswirkungen die entwicklungspolitische Ausrichtung der Landwirtschaft hat: Hunger war die Folge.

War die Entwicklungspolitik also völlig verfehlt? Waren die wirtschaftspolitischen Ziele wichtiger als die humanitären?
BENNHOLDT-THOMSEN: Eindeutig. Wobei ich nicht sagen würde, dass die einzelnen Entwicklungshelferinnen und -helfer das wussten. Die wollten helfen. Aber in Wirklichkeit ist das eine große Lüge und der Versuch der zentralen Kontrolle von Ökonomien und besonders der Landwirtschaft auf der ganzen Welt, der von den USA und Europa ausging. Besonders bedenklich war die Entscheidung der Welthandelsorganisation, die Landwirtschaft in den Freihandel hineinzuziehen und die Privatisierung und damit eine Veränderung der Landbesitzverhältnisse voranzutreiben. Jetzt wachen die Leute auf und fragen: Was passiert denn da? In hungernden Ländern werden Millionen von Hektar von großen Konzernen aufgekauft; oder von Ländern wie Libyen, das gerade 100.000 Hektar in Mali gekauft hat, trotz sonstiger Wasserknappheit mit Kanälen ausstattet und die komplette Reisernte nach Libyen transportiert. Und die Leute in Mali gucken in die Röhre.

Ging es den Leuten früher besser?
BENNHOLDT-THOMSEN: Ich denke ja. Wir können diese Frage nicht nur mit Bezug auf uns beantworten. Wir haben eine globalisierte Ökonomie, und in dieser globalisierten Ökonomie gibt es immer mehr Hunger. Viele Techniken sind verlorengegangen, deshalb sage ich auch, dass Subsistenz Fortschritt ist. Die alten Kenntnisse und Erfahrungen wurden durch die fortschreitende Industrialisierung der Landwirtschaft diffamiert, unzählige Pflanzensorten wurden vom Hochertrags-Saatgut auf dem Weltmarkt verdrängt. Das geht eine Weile lang gut, aber auf Dauer sinken die Erträge, wenn man nicht noch mehr Dünger und Pestizide zuführt, was den Boden langfristig zerstört.

Was kann der Einzelne tun, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen?
BENNHOLDT-THOMSEN: Wer in Mitteleuropa lebt und nicht an dieser Entwicklung beteiligt sein möchte, muss sein Leben, seine Gewohnheiten, seine Ernährung, seine sozialen Beziehungen und sein Denken verändern – und von dem leben, was die ökologische Region bietet. Wir sind Teil dieses Räderwerks, und nur wenn ich mich in meinem Rahmen anders verhalte, entkomme ich auch der verlogenen Propaganda der Entwicklungspolitik. Lokal, regional, national – wir brauchen eine andere Form des Marktes und eine wirkliche Kommunikation zwischen den Menschen, die ihre Güter tauschen. Wir sollten uns mit dem versorgen, was der Boden, das Klima und die Bäuerinnen und Bauern unserer Region hervorbringen, statt unser Gewissen mit Fairtrade-Zertifikaten und den paar Cent, die dafür mehr bezahlt werden, zu beruhigen.

In Ihrem Buch kritisieren Sie die zunehmende Kommerzialisierung aller Lebensbereiche.
BENNHOLDT-THOMSEN: Wir haben die Vorstellung, dass etwas umso besser ist, je kommerzieller es ist; und ich umso klüger bin, je besser ich mich in diesem ökonomischen System bewege. Ich muss also immer aufpassen, dass ich genug bekomme. Geld kann man aber nicht essen. Und wie schnell es weg sein kann, sieht man an der Finanzkrise. Es ist aber sehr schwer, das zu erkennen, seine Schlüsse daraus zu ziehen. Aber es bleibt uns gar nichts anderes übrig!

Womit sollte die persönliche Entkommerzialisierung anfangen?
BENNHOLDT-THOMSEN: Ich nenne in meinem Buch vier Fragen, die es sich für jeden zu stellen lohnt: Was mache ich ohne Geld? Welche meiner Beziehungen haben nichts mit Geld zu tun? Welche Kommunikation, sei es mit Gütern oder durch Gedanken und Ideen, entzieht sich dem Tauschkalkül? Und: Was macht uns wirklich reich?




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Es kommt nicht darauf an, dem Leben mehr Jahre zu geben, sondern den Jahren mehr Leben zu geben.

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