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Das Stübchen

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Dieses Thema hat 66 Antworten
und wurde 2.457 mal aufgerufen
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sapphoris Offline




Beiträge: 1.492

25.01.2010 19:56
#61 RE: Was hat das für einen Sinn? Zitat · antworten

Ich kann auch anders
Die ersteVersion meiner "Seelenentrümpelung" - viel Spaß!


Tagesablauf im Pflegeheim etwa 2000/2001

Übergabe wird gemacht, gab’s Probleme diese Nacht?
Die Wache schimpft mit kleinen Augen, dass die Windeln gar nichts taugen,
alle Laken sind klatschnass. Einer stürzte, auch noch das!
Aus dem Bett, hat’s Hemd zerrissen, ein andrer hat vors Klo gesch…
Frau Wirrkopf hat sich auszogen, dabei den kleinen Zeh verbogen,
blieb damit in den starken Fängen der Schwesternrufanlage hängen.
Frau M., dies zierliche Persönchen schrie laut und wollte nicht aufs Thrönchen,
hat vorher alles schon beschmiert und kreischte laut: „Was ist passiert?!“
Dann beißt sie blitzschnell und behände der Schwester in die Helferhände.
Doch kommt das liebe Töchterlein, herrscht wieder eitel Sonnenschein.

Die Wache darf nach Haus marschieren, die Frühschicht waschen und rasieren.
Die die Gänge wird geflitzt, dass bis zum Frühstück jeder blitzt.
Wenn alles frisch ist und schön glänzt, wird das Frühstück schon kredenzt.
Zu Schwarzbrot, Weißbrot oder Semmel, Bohnenkaffe gibt’s zum Bemmel.
Doch ist er knapp, der edle Trunk, gibt’s im Speisesaale Stunk.
Damit keinen ein Leid ereilt, wird auch die Medizin verteilt,
Tropfen, Pulver, Säfte, Pillen soll’n Unruh und auch Sorgen stillen.
Wie Digi fürs Herz, Melneurin zum Ruhn, so kann Risperdal auch Wunder tun.
Schon eine halbe wirkt über Nacht und hat schon aus Alzheimer Einstein gemacht.

Das Frühstück ist noch nicht im Magen, schon schreit die erste nach dem Wagen,
ist so erschöpft und will sich legen, ist zu nichts andrem zu bewegen.
Ein Klingeln macht die Schwestern froh, die nächste möchte jetzt aufs Klo.
Wen der Doktor visitiert, der wird ins Zimmer dirigiert,
dort harrt er auf den Gott in Weiß und gibt seine Wehwehchen preis.
Die anderen gehen basteln, singen oder mit Spielen die Zeit verbringen.
Wer dran ist, wird geholt zum Baden, das tut nicht weh und kann nicht schaden.
Doch von manchem hört man Klagen, als ginge es um kopf und Kragen.
Doch ehe sie blinken wie gelackt, hat schon wieder eine eingekackt.
Der Omi wird der Po geflimmert, sie kann es nicht verstehn und wimmert.
Die heiße Milch, die schmeckt so schön, wer jetzt noch nicht war, muss pullern gehen.
Die Lieger werden wieder gedreht, damit der Hintern nicht noch mehr aufgeht.
Frau W., die hat sich übergeben, beim Drehn tut es sie öfters heben.
Bei Verordnung formvollendet, wird Gelerntes angewendet.
Einmal Pflaster für das Zehchen, eine Salbe fürs Wehwehchen.
Bitte schmieren und verbinden, es tut weh sehr, vorn wie hinten.
Am meisten hilft zu allen Zeiten eine Dosis Streicheleinheiten.

Der Mittag ist ran, vorm Lift ist Gedränge, dem Willi wird Angst in dieser Menge,
hat also geboxt oder getreten. Das jedoch wird sich strikt verbeten.
Er ist schon betagt und tut auch schlabbern, er darf sein Essen oben schlabbern.
Die anderen alle im Speisesaal genießen ihr gutes Mittagsmahl.
Ob ganz, geschnitten oder püriert, ein jeder bekommt es am Platz serviert.
Dazu kommt der Tablettensegen, dann kann man sich zu Ruhe legen.
Wer selbst nicht läuft, der wird gebettet. Der halbe Tag wär’ schon gerettet.

Die Spätschicht kommt, lässt sich berichten, Fakten, Daten und Geschichten.
Damit nicht Langeweile plagt, ist noch ein Zugang angesagt.
Kurz nach der Vesper, so halb vier, steht er auch schon in der Tür.
Keine Zähne, kaum noch Haare, junge zweiundneunzig Jahre.
In der Blüte seiner Kraft hat Verwirrung ihn gerafft,
sucht Vater, Mutter und Mätressen, hat seinen Namen schon vergessen.
Zu allem fehlt bei der Demenz dem Opa auch die Kontinenz.
Die Kinder hielten das nicht aus, so ist er jetzt bei uns zu Haus.
Nicht lang, dann wird’s ihm hier gefallen, so ging’s bei uns bisher fast allen.

Einmal Durchfall, neun sind nass, alles Trocken machen, dass
Das Abendessen schmecken kann, dann sind noch mal die Toiletten dran.
So schließt sich denn der Zirkadian, die Nachtschicht fängt von vorne an.
Die meisten möchten nun schlafen gehen, ein paar im Kulturraum Fernsehen sehn.
Schlummern sie alle, so zehnte Stunde, macht die Spätschicht noch mal Runde.
„Liegen Sie auch warm im Bettchen? Vielleicht zum Schlafen ein Tablettchen?“
Wer’s braucht, wird noch mal frisch gemacht. „Wir wünschen eine Gute Nacht!“

sapphoris Offline




Beiträge: 1.492

25.01.2010 19:57
#62 RE: Was hat das für einen Sinn? Zitat · antworten

Und die zweite Version - Jahre später:


Tagesablauf im Pflegeheim 2008 (Remake von 2000/2001)

Der Nachtdienst übergibt die Schicht an den Frühdienst und er spricht
von den Dingen, die geschahen und von denen, die heut nahen.
Einer hat nachts rumgemotzt, ne andre hat vors Bett gekotzt.
Ne Dritte holt Braunes aus ihren Hosen und probiert damit nachts das Kugelstoßen.
In fast alle Zimmer muss man sehen, es kann kaum jemand selbst auf Toilette gehen.
Also Hosen wechseln, Sch… räumen, während die andren noch schlafen und träumen.
Es fehlen Windeln, Laken, Wäsche. Manch Bewohner verteilt Dresche
ans Personal, dass helfen will. Die meisten liegen ruhig und still.
„Komm wir waschen ganz schnell, die Heizung ist kalt.“ Sie wird repariert. Morgen? Nein! Bald!
Früh halb fünf, da hat’s geschellt, jemand hat sich krank gemeldt.
Also schnell noch vier geputzt, weil’s der Frühschicht sicher nutzt.
Die Chefin schaut grimmig, es fehlt Personal, der Dienstplan ist Chaos – wieder einmal.
Sie jetzt auch noch nach „Frei“ zu fragen, wird sich heute keiner wagen.

Die Nachtschicht ist froh, könnt’ nach Hause starten, doch heißt’s an der Stechuhr bis zehn nach um warten.
Der Frühdienst rast über den Gang, der Zimmer sind viele, der Gang ist so lang.
Wenn wir die Wischwuschel nicht hätten, blieben wohl einige dreckig im Bette.
Sie helfen uns waschen und viel mehr noch, ach! – Wie sie ihren Job schaffen? Da fragt keiner nach!
Die meisten sind frisch, schnell Insulin und dann essen, den Kaffee kann man heut wieder „vergessen“.
Brot oder Brötchen, Marmelade und Käse, es gibt immer einen, dem passt nichts auf die Näse.
Der Tablettencocktail ist ein Hohn, manch einer, der wird satt davon.
Ramipril und Exelon – doch keiner wird mehr zwanzig davon.
Auf die gemörserten Pillen bitte nicht pusten – und nicht inhalieren, sonst kommt der Husten.
Wer sein Frühstück nicht neben den Rollstuhl spuckt, hat sich am nächsten Happen verschluckt.
Der Kaffee treibt, die ersten woll’n pieseln, die Schwestern derweil nach oben wieseln,
die Rollstühle in den Kulturraum karren, doch dort sitzen noch die andern und harren,
dass man ihnen das eingeweichte Weißbrot in der Suppe reichte.
Doch kaum hat man’s hineingestopft, es wieder aus dem Munde tropft.
Wem’s am Schluckreflexe krankt, der wird mit Spritze „druckbetankt“.

Zu viele Rollstühle, kaum einer kann gehen, im Kulturraum ist kein freier Fleck mehr zu sehn.
Baden, Betten, Lieger waschen und drehen. Ach, auch noch Visite – ist das nicht schön!
Man flitzt übern Gang, an manchem vorbei – dass er mal muss, sieht man nicht dabei.
Die meisten können’s eh’ nicht mehr sagen, sie lassen es laufen oder sie klagen:
„Ich kacke jetzt ein, es hat keiner Zeit.“ Sie haben ja Recht, und es tut uns auch Leid.
Wir säubern, trösten, schimpfen und wischen, viel hilft es nicht, denn nun hat inzwischen
sich jemand dem Gurt im Rollstuhl entwunden und ist unter dem Tisch verschwunden.
Nichts gebrochen, nur erschrocken gestöhnt, ein Schenkelhals hätte den Tag noch gekrönt.
Beschäftigung retardiert zur Zeitungsschau, es hört keiner zu, viele machen Radau,
die meisten von ihnen sind viel zu dement. Wer nicht schreit oder heult, sitzt im Rollstuhl und pennt.
„Toilettentraining“ im Akkord, die meisten schon nass, kein Erfolg im Abort.
Warten auf das Mittagsmahl, Tropfen und Tablettenqual.
Abgefüttert sind die Schäfchen, dürfen nun zum Mittagsschläfchen.
Derweil der „Zeitige“, es ist nicht zum Lachen, ersäuft in zehn Körben Bewohnersachen.

Wiedermal ist Übergabe und man hört, der Doktor habe
massenweise umgestellt, es ist gefaxt und schon bestellt.
Die Übergabe so gar nicht relaxt, morgen kommt ein Zugang für den gestrigen Ex.
Man müsste noch schreiben, doch Zeit hat man nicht – der Bewohner muss warten – denn Schreiben ist PFLICHT!
Raus aus dem Bett und ab zur Vesper. „Eine Scheibe Brot? Ist das alles, Schwester?“
Nachmittags ist nur „Warten“ dran – drei Schwestern sind da – für 45 Mann!
Zwei gehen lagern, der dritte muss baden – unbeaufsichtigt kommt schon mal jemand zu Schaden,
steht auf und stürzt, findet’s Klo nicht, macht ein, wen soll das wundern – zu lange allein!
Besucher sucht Schwester und findet sie nicht – an der Tür brannte wiedermal kein grünes Licht!
Abendbrot, Tropfen und Tabletten, und dann geht es endlich ab in die Betten.
Obwohl sie den Tag über nur saßen und harrten, kann das Zu – Bett – Bringen keiner erwarten,
jeder zetert und möchte der erste sein, liegen sie, hofft man, zieht Ruhe ein.
Oft ruft noch jemand, hat Angst und Sorgen, man beruhigt und deckt zu und vertröstet auf morgen.
Aufräumen, schreiben, sich auf zu Hause freun, die Wache kommt bald, es ist schon nach neun.
Wie soll’n wir das schaffen? Keine Ahnung, Rollstühle putzen und Pflegeplanung,
Medizinschrankkontrolle und Med.- Boxen richten, die Kurven für nächsten Monat sichten,
Apalliker waschen, Hintern wischen, Dienstzimmer säubern und morgens dann frischen
Kaffee für die Frühschicht machen. Wir schaffen es dennoch! – und können noch lachen.
Denn ohne Humor und Herz und Verstand – wär’n wir sonst längst alle ausgebrannt!

patata Offline

Moderator
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Punkte: 209.834

25.01.2010 20:13
#63 RE: Was hat das für einen Sinn? Zitat · antworten

was für wahre worte!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
könnte aus meinem häuschen sein...

und was muss für die neuste version für 2010 rein:
"denken sie an die nicht belegten betten, alle überstunden werden gestrichen....,
verträge nicht verlängert,
nur mit dem mindestpersonal gearbeitet...
alle am stöhnen, der krankenstand steigt,
der pflegekollaps ist gar nicht mehr weit!!!!!!!!!!!!!!!!

__________________________________________________________

Es grüßt der Wattwurm
__________________________________________________________

Annita Offline

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25.01.2010 21:22
#64 RE: Was hat das für einen Sinn? Zitat · antworten

Oh man genau so ist es.

_____________________
Engel
können fliegen weil sie sich selbst nicht so schwer nehmen.

sapphoris Offline




Beiträge: 1.492

28.01.2010 13:46
#65 RE: Was hat das für einen Sinn? Zitat · antworten

2010 kann ich noch nicht schreiben.
Das Jahr ist noch zu jung.
Ich bin erst kurze Zeit auf dieser Station.
Und wenn ich böse schreibe, bin ich selber schuld -
dann muss doch was falsch gelaufen sein -
und ich hätte es vielleicht ändern können. (es als QB zumindest zu versuchen)

Aber dabei bin ich ja gerade.

Deshalb habe ich jetzt auch noch nicht die Zeit, eine 2010er Version zu erstellen.

LG

Annita Offline

Ehrenmitglied


Beiträge: 18.916
Punkte: 652

07.02.2010 18:13
#66 RE: Was hat das für einen Sinn? Zitat · antworten

Liebe und Freude Traurigkeit hat immer einen Sinn im Leben. Aber richtige Entscheidungen zu treffen ist noch schwerer weil es ja Verantwortung oder Rechenschaft bedeutet.

_____________________
Engel
können fliegen weil sie sich selbst nicht so schwer nehmen.

Capitano Offline

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16.03.2010 22:57
#67 RE: Was hat das für einen Sinn? Zitat · antworten

Vielen Dank sapphoris für Deine aufklärende Verse.

Da kann man nur hoffen, das man nicht in eine solche Situation mal kommt, sondern vorher schon den löffel abgibt.

-------------------------------------------
Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden.

Mark Twain

Lieben Gruß vom Capi.

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