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Ich hatte einen Traum:
Ich träumte, ich hörte eine Ansprache unseres Bundeskanzlers zu einem besonderen Anlaß. Ich habe im Traum keinen Kalender gesehen. Wahrscheinlich war es zum Jahreswechsel eines in ferner Zukunft liegenden Jahres. Der Bundeskanzler hatte ein sehr ernstes Gesicht und er sprach in einem sehr ernsten Ton. Er sagte:
„Liebe Mitbürger! Liebe Landsleute, wir leben in einer schweren Zeit. Die Staatskassen sind leer. Der Staat hat seine Bürger, in der Amtszeit meiner Vorgänger leider sehr verwöhnt. Meine Vorgänger haben anscheinend geglaubt, daß die Kassen des Staates unerschöpflich seien und haben Ihnen viel zu großzügig Geschenke gemacht: Bafög, Kindergeld, Sozialhilfe, Hilfe für Arbeitslose, Hilfe im Krankheitsfall, Vorsorge für ein sorgloses Leben im Alter und so weiter. Die Bürger haben sich daran gewöhnt, daß der Staat Ihnen fast alle Sorgen abnimmt und Ihnen in jeder schwierigen Situation des Lebens hilft. Damit hat er die Initiative und die Risikobereitschaft seiner Bürger fast erstickt. Die Folgen sind schlimm.
Liebe Mitbürger, ich kann Ihnen die Wahrheit nicht verschweigen, daß sich meine Vorgänger geirrt haben. Unsere Kassen waren leider nicht unerschöpflich. Das Ergebnis ist: die Kassen sind jetzt leer. Ich würde gern zu einem Gericht gehen und einen Bankrott anmelden. Aber ein Staat kann nicht bankrott anmelden. Für den Staat gibt es kein Gericht, denn der Staat, das sind wir alle. Ein Staat, dessen Bürger Gemeinsinn an den Tag legen und bereit sind, für die Belange der Allgemeinheit, also für den Staat, die eigenen Belange zurückzustellen, ist kräftig und gesund. Ein Staat, in dem die Bürger in erster Linie nur an sich und den eigenen Vorteil denken, ist schwach und kann im Wettstreit der Staaten auf der ganzen Welt nicht bestehen. Er wird untergehen. Liebe Mitbürger, ich habe große Sorge, daß unser Staat sich gegenwärtig auf diesem Weg des Untergangs befindet.
Ich glaube aber, daß wir alle zusammen anständig überleben können, wenn wir uns gemeinsam anstrengen, uns gegen die Konkurrenz der anderen Staaten zu behaupten. Der britische Premier Churchill hat im zweiten Weltkrieg sein Volk zu gemeinsamer Anstrengung aufgerufen, indem er ihm für die Kriegsjahre „Blut und Tränen“ versprach. Ich will Ihnen nicht Blut und Tränen prophezeien. Aber ich muß Ihnen sagen, daß ein Erfolg nur möglich ist, wenn wir alle uns anstrengen und jeder von uns allen für den Sieg im internationalen Wettbewerb ein ganz persönliches Opfer bringt. Deshalb bin ich entschlossen, Ihnen allen ein gutes Beispiel zu geben. Ich werde vom nächsten Monat an auf 10 % meines Gehaltes verzichten.“ Damit war die Ansprache des geträumten Bundeskanzlers zu Ende. Aber der Traum ging weiter.
Am nächsten Tag gab es in allen Zeitungen fettgedruckte Berichte über die erste Sitzung des Kabinetts nach dieser sensationellen Ansprache des Bundeskanzlers. Da stand: „Noch bevor der Kanzler der Raum betreten hatte, hatten die Minister die ganz ungewöhnliche Ansprache des Kanzlers vom Vorabend erörtert. Und als der Kanzler eingetroffen war, erklärten die Minister, noch bevor mit dem ersten Punkt der Tagesordnung im Kabinett begonnen werden konnte, sie wollten eine gemeinsame Erklärung abgeben. Diese Erklärung lautete: „Wir Minister der Bundesrepublik Deutschland haben die aufrüttelnde Rede des Kanzlers im Fernsehen verfolgt. Wir wollen uns nicht von unserem Kanzler beschämen lassen, wenn es um Uneigennützigkeit und Opferbereitschaft zum Wohl unserer Republik geht. Wir werden dem Beispiel des Kanzlers folgen und ebenfalls auf 10 % unserer Gehälter verzichten.“
In der Woche darauf gab es eine stürmische Bundestagssitzung. Alle Abgeordneten in allen Fraktionen begrüßten begeistert die Initiative der Regierung. Sie forderten einhellig eine Kürzung der Diäten und der Tagegelder. Nur im Maß der Kürzungen waren sie sich nicht einig. Es bildete sich eine 5-%-Fraktion und eine 15-%-Fraktion. Die Redner der 5-%-Fraktion warfen der 15-%-Fraktion ungehemmte Wahlpropaganda vor. „Meine Damen und Herren, Sie buhlen doch mit dieser übertriebenen und unnötigen Opferbereitschaft offensichtlich nur um die Stimmen der Wähler, Sie schielen ja nur auf die nächste Wahl“. - Darauf entgegneten die Redner der 15-%-Fraktion: „Selbstverständlich haben wir nicht das Wohl unserer Partei sondern wie immer nur das Wohl unseres ganzen Staates und Volkes im Auge, aber Sie meine Damen und Herren, lassen es offensichtlich an Opfermut in unserer schwierigen Lage fehlen. Es ist Kleinmut, Egoismus und Geiz, was aus Ihren Vorschlägen spricht“. Im Plenum war eine Einigung nicht zu erreichen. Die Frage wurde an die Ausschüsse überwiesen. In den Ausschüssen wurde ein Kompromiß erarbeitet. Man einigte sich nach langen und harten Verhandlungen auf 10 %.
Nach ein paar Tagen äußerte sich der Vorsitzende des Beamtenbundes im Fernsehen. Ich glaubte meinen Augen und Ohren nicht trauen zu können, als der sprach: „Die Beamten waren schon immer die Stütze unseres Staates. Sie waren stets die treuesten Diener dieses Staates. Sie sind zutiefst davon bewegt, daß dieser Staat sich nach den Worten des Bundeskanzlers ‘auf dem Weg zum Untergang befindet’. Sie sind fest entschlossen, ihren Beitrag dazu zu leisten, daß der Staat gerettet wird. Sie werden ab dem nächsten Monat ebenfalls auf 10 % ihrer Bezüge verzichten.“
Wer hätte sich denken können, daß dieser kleine Anstoß des Bundeskanzlers solche Folgen haben würde! Stellt euch vor: am Tag darauf gab es eine gemeinsame Erklärung der Gewerkschaft ÖTV und der Deutschen Angestelltengewerkschaft. Die lautete so: „Wir haben mit großer Freude zur Kenntnis genommen, daß die Beamtenschaft auf einen geringen Teil ihrer Riesengehälter verzichten will. Aber wenn es um das Gemeinwohl geht, werden wir uns von den Beamten nicht beschämen lassen. Auch wir werden auf 10 % unserer Löhne verzichten“.
Dann fanden Tarifverhandlungen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften statt. Da machten die Vertreter der Arbeitnehmer den Vorschlag, die Löhne und Gehälter der Arbeitnehmer um 15 % zu kürzen. Sie wollten mehr zur Rettung des Vaterlandes tun als die Minister und die Beamten. Aber die Arbeitgeber lehnten das ganz entschieden ab. Die Angestellten und Arbeiter dürften nicht nur an das Allgemeinwohl denken, sie hätten doch schließlich auch Familien zu ernähren und wollten vielleicht auch einmal in einem der Sonnenländer ihren Urlaub verbringen. Um mehr als 5 % dürften die Löhne auf keinen Fall vermindert werden. Es waren ganz harte Verhandlungen. Die Verhandlungspartner tauschten Argumente und Gegenargumente aus und hatten sich im Morgengrauen schließlich auf 10 % geeinigt.
Es war eine 10-%-Bewegung entstanden, die vor nichts mehr Halt machte. In allen Industriezweigen einigten sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf 10 % niedrigere Löhne. Autos und Maschinen wurden um 10 % billiger. Auch die Preise für Kleidung und Lebensmittel sanken um 10 %. Weil alles billiger geworden war, waren deutsche Waren auch im Ausland hochwillkommen. Der Export boomte wie noch nie. Die Unternehmer mußten ihre Produktionsanlagen ausbauen und neue Arbeitskräfte einstellen.
In der Bauwirtschaft verzichteten die Bauhandwerker auf 10 % ihres Einkommens. Ausländische Arbeitskräfte hatten keine Lust mehr, in dem Niedriglohn-Land Deutschland zu arbeiten. Die Bauunternehmer mußten Deutsche einstellen.
In der Seeschiffahrt gab es keinen Grund mehr, die Schiffe „auszuflaggen“ und ausländische Seeleute einzustellen. Deutsche Seeleute fanden wieder vermehrt Arbeit auf deutschen Schiffen.
Da alle Waren billiger geworden waren, hatte die Deutsche Mark einen höheren Wert bekommen, und das machte sich auch im Devisenhandel bemerkbar. Ausländische Firmen zeigten wieder größeres Interesse, in Deutschland zu investieren. Deutsche Arbeitskräfte waren wieder gefragt. Das Arbeitsamt wurde aufgelöst, denn es gab niemanden mehr, der Arbeit suchte. Jeder hatte Arbeit. Es hielten sich nur einige private Büros, die damit beschäftigt waren, für einzelne Firmen auf dem leergefegten Arbeitsmarkt noch einige hochspezialisierte Arbeitskräfte zu suchen.
Das war mein Traum, und da schaltete sich am Morgen das Weckradio ein. Ich erwachte und hörte die eintönige Stimme des Nachrichtensprechers. Und der verkündete, daß die Diäten der Abgeordneten wieder um 10 % erhöht werden sollten und daß der Beamtenbund auf einer Erhöhung der Beamtengehälter um 10% bestehe.
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.....ich komme wieder am Wendepunkt der Zeiten..............
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