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Das Stübchen

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Dieses Thema hat 109 Antworten
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cappucino ( gelöscht )
Beiträge:

02.03.2009 10:57
#51 SOS fern der Heimat Zitat · antworten

S.O.S.
Heute habe ich mir einen neuen Desktophintergrund aus dem www runtergeladen . Ein Foto vom lake tahoe, an der Grenze zwischen Nevada und Kalifornien. Wunderschön dort, da kamen gleich wieder Erinnerungen in mir hoch. LG und ich waren vor ein paar Jahren auf unserer Tour durch den Westen der USA dort und natürlich mussten wir wieder irgendwas abenteuerliches erleben! Ist vielleicht wieder eine kleine Geschichte wert?
Also, wir fuhren zu unserem Hotel in South lake tahoe, einem hübschen Städtchen inmitten von Bergen und Wäldern. Natürlich erkundeten wir gleich, was es dort so zu sehen gäbe. Es war später Vormittag und wir spazierten Richtung See. Ich war gleich begeistert, hier gab es Wasserski, Segeln, schwimmen und einen Bootsverleih. Urlaubsstimmung pur! Ich liebe Wasser. Für Wasserski war es etwas zu kalt,(und LG wäre gleich wie ein Stein im See versunken), segeln konnten wir beide nicht, schwimmen kam auch nicht in Frage, es hatte knapp 20°. Also beschlossen wir, uns ein Boot zu mieten und den fast 500 qkm grossen See zu erforschen. (Von Motorbooten hatten wir natürlich auch beide keine Ahnung) Der Typ vom Bootsverleih war sehr nett und erklärte mir, dass wir ein Boot für 4 Stunden mieten konnten. (LG schaffte es, den ganzen Urlaub lang kein einziges Wort englisch zu sprechen, angeblich konnte er es nicht) Gott sei Dank hab ich fast alles verstanden, was der mir erzählte. Wo man startete, Gas gab, wie das Funkgerät funktionierte, usw. Wir bekamen noch eine Rechnung und eine Kurzbeschreibung des Bootes in die Hand gedrückt. Das Ding hatte über 300 PS!!!! Für sowas braucht man doch einen Bootsführerschein, dachte ich mir. Aber gut, wenn die uns das Boot vermieten, geht das schon ok. Selbstredend stellte sich LG gleich ans Steuer, ich wollte ihm zeigen, was mir der Typ vorher alles zur Bedienung des Bootes erklärt hatte, aber er ist ja ein Mann und braucht das natürlich nicht. Wie sollte es anders sein. Wir fuhren also los und wollten irgendwo weiter nördlich, wo es uns gefiel, anlegen und was essen gehen. Erst kurvten wir gemütlich auf dem See herum und genossen den Anblick der schneebedeckten Berge ringsum. Dann wurde LG mutiger und stieg aufs Gas. Wir wurden ziemlich schnell und das Boot hüpfte auf und ab. Dabei sollte ich filmen und gleichzeitig aufpassen, dass ich nicht ins Wasser fiel. Dann durfte ich endlich ans Steuer. Ging ganz leicht. Dann wollte LG wieder ran. Er bekam einen verklärten Gesichtsausdruck und schien seinen Geschwindigkeitsrausch zu geniessen. Wir fuhren in eine Bucht ein und er wurde langsamer. Endlich konnte ich wieder gefahrlos filmen. Dann bemerkte ich, wie er sichtlich immer nervöser wurde und langsamer. Dann, mitten auf dem See blieb das Boot plötzlich stehen und rührte sich keinen Meter mehr. – Der Sprit war alle!!! LG wurde grantig und schimpfte über den Bootsverleiher, der nicht vollgetankt hatte. Was sollten wir also jetzt tun? Die anderen Boote waren zu weit weg , dass wir die um Hilfe bitten konnten. Da fiel mir das Funkgerät ein. Ich schaute mir erst mal das Gerät an, bevor ich irgendwas dran herumfummelte. LG mittlerweile schon ziemlich entnervt (klar, es war Mittag und er hatte schon einen leeren Magen) das färbte etwas auf mich ab und ich sagte: so, jetzt ruf ich einfach die Küchenwaage. – LG : „WEN rufst du?“ – „Ich meinte natürlich die Küstenwache, ich kann mich doch auch mal versprechen, oder?“ LG: „weisst du überhaupt, wie das Ding funktioniert?“ –„Klar, der hats mir doch gezeigt. Ist mir eigentlich egal, wen ich jetzt an dieses Funkgerät bekomme, von mir aus der Präsident der Vereinigten Staaten persönlich! “ LG: „ja und sag ihm gleich, ich hab Hunger , er soll mir ein Schnitzel mitbringen!“ Endlich hatte ich die coast guard an der Strippe und erklärte denen , was passiert sei. Wir sollten erstmal eine orange Fahne hissen, die hinten im Boot lag, damit sie uns leichter fanden. „Where are you?“ fragten die mich. Woher sollte ich das denn wissen? Ich gab ihnen in holprigen englisch eine ungefähre Beschreibung unseres Standortes an. Der See hatte ja „nur“ knapp 500qkm, die werden uns schon finden. Ich sagte noch, dass wir 2 Personen sind und ich eine knallrote Jacke anhätte. Während ich mich plagte, mit denen halbwegs verständlich zu kommunizieren, sagte LG ständig im Hintergrund: „und vergiss nicht , ohne Schnitzel brauchen sie gar nicht kommen!“ – Ach Hilfe, dieser Mann machte mich wahnsinnig. Da war ich gerade damit beschäftigt uns aus der misslichen Lage zu befreien , in die er uns gebracht hatte und er denkt an Essen!! Tatsächlich nahte bald Hilfe. Der Typ vom Bootsverleih kam ,füllte den Tank nach und entschuldigte sich 1000x. Er fragte, ob wir weiterfahren wollten, doch irgendwie hatten wir beide genug vom Bootfahren (und Schnitzel hatte er auch keins mitgebracht!) Als Wiedergutmachung bekamen wir das GANZE Geld wieder zurück. So hatten wir 2 Stunden Bootsfahrt gratis bekommen und gingen gleich in ein tolles Steakhaus um den unverhofften Gewinn langfristig an unsere Hüften und Bauch anzulegen!!!
Sorry, ist etwas lang geworden!! Hoffe, ihr mögt die Geschichte trotzdem lesen!

Moni Offline

Co-Administrator


Beiträge: 146.876
Punkte: 18.516

02.03.2009 11:42
#52 RE: SOS fern der Heimat Zitat · antworten

Du bist begnadet !


D A N K E


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Es einen jeden Menschen Recht zu machen - Ist eine Kunst die kann keiner schaffen !

Shera75 ( gelöscht )
Beiträge:

02.03.2009 12:32
#53 RE: SOS fern der Heimat Zitat · antworten
Wow das war wirklich eine Erzählung wert
Noessi ( gelöscht )
Beiträge:

02.03.2009 16:19
#54 RE: SOS fern der Heimat Zitat · antworten

Supi!

Bisa1975 ( gelöscht )
Beiträge:

02.03.2009 18:23
#55 RE: SOS fern der Heimat Zitat · antworten
Annita Offline

Ehrenmitglied


Beiträge: 18.916
Punkte: 652

16.03.2009 18:22
#56 RE: SOS fern der Heimat Zitat · antworten

Hab auf die schnelle nicht alles nachlesen können, Cappu und Nici finde Eure Geschichten schön bitte weiter so. Nici diese Liebe findest Du nicht oft hab sie erst einmal bei einem Ehepaar erlebt und bin doch auch nicht mehr ganz jung .Übrigens der Mann war etwas jünger wie seine Frau und sie starb leider an einem Gehirntumor. lG A

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Engel
können fliegen weil sie sich selbst nicht so schwer nehmen.

sapphoris Offline




Beiträge: 1.492

19.03.2009 18:36
#57 RE: SOS fern der Heimat Zitat · antworten

Ich hoffe, es langweilt niemanden - bin vor ca. 10 Jahren mal in einem Orgelkonzert gewesen, und dabei (ohne irgendetwas zu nehmen) auf einen Trip gegangen. Habe versucht, die Orthografie - Fehler zu reduzieren (war ja alles noch in der alten Rechtschreibung).
Wenn ihr denkt, ich spinne - so könnte das stimmen

Sonate für zwei Orgeln


Der Weg

Eingeschlossen in einen riesigen stillen Raum, über den sich, einer endlosen Kuppel gleich der Himmel wölbt, stehe ich auf einem kleinen Hügel, mitten im Vakuum wie unter einer überdimensionalen Käseglocke, deren Deckel für mich weder greifbar noch sichtbar, wohl aber fühlbar ist.
Vor mir sehe ich einen dunklen Fluss, der, nicht allzu breit, eingebettet zwischen Erdwällen dahin fließt, welche scheinbar nicht natürlichen Ursprungs sondern von Menschenhand hoch aufgeschüttet sind. Das verleiht ihnen einen Ausdruck der Unbezwingbarkeit; ein Effekt, der sicher auch gewollt ist. Die Böschungen sind sehr steil und durch vor kurzem gefallenen Regen rutschig und schmierig. Es riecht nach schwerer Erde.
In meinem Rücken ist Dunkelheit, die mir beinahe körperliche Schmerzen bereitet. Ihre Schwärze ist so fühlbar, dass man meinen könnte, sie habe sich materialisiert. Wie schwerer Samt liegt sie hinter mir, nicht unbedingt kalt, aber auch nicht wärmend und drückt auf meine Schultern. Es scheint als wollten sich die Moleküle der Luft zu festen Bestandteilen umwandeln.
Ich fühle mich eingeengt und unwohl in dieser Finsternis, vielleicht sogar ein wenig bedroht. Das Atmen geht nur mühevoll, als presste sich um meinen Brustkorb ein Panzer, nicht dehnbar oder anderweitig flexibel. Er fühlt sich tönern an, vielleicht geht er irgendwann einmal zu zerbrechen? Es ist mir zudem äußerst unangenehm, mitten im leeren Raum zu stehen und nicht kontrollieren zu können, was hinter meinem Rücken geschieht. Ich stehe lieber mit dem Rücken zur Wand.
So schnell wie nur möglich möchte ich diesen unwirtlichen Ort verlassen. Ich fühle mich getrieben, was ist hinter mir?, und möchte wissen, was jenseits des dunklen Flusses auf mich wartet.
Schritt für Schritt bewege ich mich vorwärts. Das stellt sich als sehr anstrengend heraus, denn die Erde ist aufgeweicht und klebt in dicken Batzen an meinen Schuhen, die als solche gar nicht mehr zu erkennen sind. Mühevoll setze ich ein Bein vor das andere und möchte den Fluss erreichen, den ich zu überqueren gedenke. Die Entfernung scheint sich mit jedem Schritt noch zu vergrößern, aber nach einer zeitlosen Ewigkeit habe ich sie doch bewältigt und die erste Böschung erklommen.
Am Ufer ist jedoch weder ein Boot noch eine andere Möglichkeit vorhanden, mit deren Hilfe ich übersetzen könnte. Auch eine Brücke oder einen Steg über das Wasser gibt es nicht.
Eine Brücke wäre gut, denke ich, so eine altertümlich aussehende aus dunklen, bereits etwas verwitterten Feldsteinen gebaute, die sich leicht nach oben wölbt und mit beiden Füßen an die erdigen Uferseiten schmiegt. In den Ritzen der Steinblöcke hat sich bereits Moos eine Stelle zum Wachsen gesucht und auf der breiten Brüstung haben Flechten eine Heimstatt gefunden. Sie fassen sich rau an, und sind warm, als hätte vor kurzem noch eine kräftige Sonne darauf geschienen. Der Bogen der Brücke ist aus großen Quadern gefertigt, die nicht ganz zueinander passen wollen und dadurch einen Blick auf die dunklen Wasser durch die Ritzen freigeben. Wenn man darüber schreitet und unter sich die Wellen sieht, kribbelt es im Bauch und man hat das Gefühl, von unsichtbarer Hand in die Tiefe gezogen zu werden. So eine Brücke müsste es sein - aber sie fehlt.
Stumme Furcht klebt meine Zunge am Gaumen fest und mein Mund ist völlig ausgetrocknet.
Ich muss also all meinen Mut zusammennehmen und klettere die schlammige Uferböschung hinunter. Dabei rutsche ich mehr als ich hinabsteige und habe Mühe, nicht hinzufallen.
Der erste Schritt in das flüssige Element erfordert meine ganze Courage; ich gehe nicht gern in Gewässer, die mir unbekannt sind und deren Grund ich nicht sehen kann. Und schon gar nicht mit solch einer tiefen Finsternis im Rücken. Doch die Neugierde siegt.
Ich folge dem Drang, der mich unwillkürlich an das andere Ufer zieht und stürze mich in die dunklen Fluten. Es beunruhigt mich, dass ich nicht spüren kann, wie meine Kleider nass werden, obwohl ich schon bis an die Brust im Wasser stehe. Das Herz schlägt mir bis zum Hals, und am liebsten würde ich umkehren. Aber ich weiß genau, wenn ich das tue, werde ich es bereuen und immer wieder einen neuen Versuch zur Erkundung des jenseitigen Ufers starten.
Das Wasser dieses Flusses ist nicht trinkbar und kann als solches gar nicht mehr bezeichnet werden. Es ist ebenso schwarz wie der Himmel hinter mir und zähflüssig wie Erdöl. Oder gar Kleister. Im Hinterkopf taucht der Gedanke, dass ich vielleicht trotz der vielen H2O- Moleküle um mich herum verdursten könnte, auf. Doch vorerst möchte ich nicht trinken.
Im Widerspruch zu der zähen Konsistenz dieser Brühe bilden sich, als Paradox, große Wellen, die mich zu überrollen drohen. Sie sind nicht unbedingt hoch, dafür aber in ihrer Wurzel sehr breit und kräftig. Der Anblick ist vergleichbar mit Teppichrollen oder Läufern, die in manchen alten Filmen aufgeschüttelt werden und so einen Darsteller zur Erheiterung des Zuschauers zu Fall bringen sollen. Wie schmutzige Schneehaufen am Winterende muss ich diese Teppichwellen mit meinen bloßen Händen zur Seite schieben, um mir einen Weg an das andere Ufer zu bahnen. Das geht alles so langsam vor sich, als wäre die Abläufe durch eine riesige Zeitlupe gebremst. Ich „schwimme“ laufend durch den schwarzen Schnee, der mir an der tiefsten Stelle gerade bis ans Kinn reicht.
Die einzigen Geräusche in dieser Welt kommen aus dem Fluss, denn in jeder Welle grollt, solange sie sich erhebt, eine laute durchdringende Dissonanz. Wie eine Drohung, die mich zur Umkehr bewegen will. Sie dauert an, bis ich das Hindernis überwunden habe und sich der dunkle Wasserberg hinter mir schließt. Dann ist wieder Stille bis zur nächsten Woge. Ich sehe die Luftblasen, die sich aus der Tiefe nach oben quälen, kann aber nicht das dafür typische Glucksen oder Schmatzen hören, spüre nur den Fluss nach mir saugen mit seinen Breifingern und schwarzen Schlammwellen.
Ich ignoriere es, obwohl mir allmählich Arme und Beine von dieser Schwerstarbeit zu schmerzen beginnen. Es ist mir rätselhaft, wie ich in dieser klebrigen Brühe, die tatsächlich fettig zu sein scheint und auf deren Oberfläche durch die wenigen Lichtreflexe es manchmal wie Benzinflecke schillert, meine Gliedmaßen überhaupt bewegen kann.
Ein Glück nur, dass der Fluss nicht tiefer ist; schwimmend würden meine Kräfte für dessen Überwindung nicht ausreichen.
Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist, als ich endlich erschöpft das andere Ufer erreiche. Es mag eine Ewigkeit vergangen sein.
Wie ein böser Schlussakkord bohrt sich, während ich die Böschung herauf klettere, eine letzte amelodische Tonfolge, die meinen Ohren weh tut, in mein Gehirn. Als Untermalung dieser Wucht liegen zu einem großen Monument aufgeschichtete Felsbrocken vor mir. Die Silhouette dieses Gebildes erinnert mich schwach an das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig, weshalb es mir durch diese Assoziation vertraut und weniger Furcht einflößend erscheint, als es wohl wirken soll. Ich umgehe dieses Hindernis, jede Warnung missachtend, wenngleich auch einige dieser Steinriesen, unverständlicherweise völlig geräuschlos, hinter mir her rollen und mich straucheln lassen wollen.
Endlich bin ich auf der anderen Seite des monströsen Steingebildes angelangt. Als ich hinter mich schaue, hat sich das Felsmonument wie eine Fata Morgana in Luft aufgelöst.
Der Himmel vor mir ist sehr düster und unheimlich, nicht schwarz, aber dunkel mit einer orange- oder rostroten Färbung am Horizont. Das Flackern dieser Rottöne erinnert an einen weit entfernten Großbrand. Oder auch an Polarlichter, aber dafür sind die zuckenden Farben zu warm. Es ist drückend und unbehaglich, der erdige Geruch fehlt und das plötzliche Verschwinden des Felsens trägt auch nicht zu meiner Beruhigung bei. Eine bleierne Schwere lähmt jeden meiner Gedanken. Ich bin nicht in der Lage, mir den Schmutz den schwarzen Wassers abzuwischen, der in Kleidern und Haaren hängt.
Ein heißer Wind streift leicht mein Gesicht und ich lasse mich kraftlos auf die Erde sinken, die auf dieser Seite des Flusses knochentrocken ist.
Als ich aufwache, glüht der Himmel immer noch, aber ich fühle mich dennoch auf dieser Seite des Flusses sicherer als in der spürbaren Schwärze jenseits des Wassers, wo unsichtbare Hände nach mir u greifen schienen.
Um mich herum, so weit ich sehen kann, breitet sich ebene Erde aus, wie ein riesiges Feld, das noch niemals bestellt wurde. Es gibt keine Furchen, die auf das Arbeiten eines Pfluges schließen ließen. Sollte jemals irgend jemand Hand an dieses Areal gelegt haben, könnte es nur ein Bulldozer oder eine Straßenwalze gewesen sein, so platt ist hier alles. Keine Erhebung oder gar ein Gegenstand unterbricht dieses Bild. Man könnte diese Fläche mit erdfarbenem Asphalt vergleichen.
Nirgendwo ist etwas anderes zu sehen als ebenes dunklen Braun, schwer und dumpf.
Keine Pflanzen, keine Tiere und schon gar keine Menschen.
Ich fühle mich allein und falle erneut in einen tiefen Schlaf.

Der allmähliche Übergang in den Wachzustand ist eigenartig, weil immer noch alles tonlos abläuft und ich mir völlig deplaziert vorkomme. Das Ungewöhnlichste ist aber der Zustand meines Körpers. Er fühlt sich an wie unsichtbar. Ich spüre, dass meine Augen da sind und ich mit ihnen sehen kann, dass meine Ohren da sind und ich mit ihnen sicher auch hören könnte, aber ich bin nicht imstande meine Arme und Beine, Hände und Füße und meinen Rumpf zu sehen.
Ich bestehe nur aus meinen Sinnesorganen.
Der Schlamm des Flusses ist getrocknet und abgebröckelt, glaube ich.
Geräusche scheinen in dieser irrealen Welt immer noch durch das wild flackernde Spiel der Feuerfarben ersetzt zu sein und die Gegend sieht aus, als wäre sie einem Film entlehnt, der den Zustand der Erde nach einem nuklearen Inferno zeigt: staubig tonlos und scheinbar ohne Leben.
Langsam erhebe ich mich und gehe in die Richtung der Feuerfarben am Horizont, einen Weg, der mangels jeglicher Orientierungsmöglichkeit endlos wirkt. Obwohl es recht heiß ist, kriecht mir ein Frösteln über den Rücken. Ich suche nach Wärme, so laufe ich durch die glühende Stille.





Wandlung

Plötzlich fällt mir etwas, für diese Asphaltlandschaft Ungewöhnliches auf. In der festen Kruste, genau vor meinen unsichtbaren Füßen, hat sich ein winziger Riss gebildet, kaum sichtbar, aber da.
Ich knie mich hin und schaue nach dem Grund, welcher an ein Wunder glauben ließe. Noch zaghaft und schwach, aber in seinem Inneren ein großes Wollen bergend, bohrt sich ein hellgrüner Grashalm aus dem Dunkeln hervor. Viel Licht kann er nicht erhaschen, denn die Existenz einer Leben spendenden Sonne lässt sich nur erahnen. Aber sein helles Grün, fast ein bisschen zu lebendig ausgefallen, lässt mich an meinen eigenen Wahrnehmungen zweifeln und erhöht den Anschein der Unwirklichkeit. In diesem braunen Dunkel blendet es fast ein wenig.
Vielleicht, nein hoffentlich reicht ihm das Flackern des Horizonts aus für die Photosynthese.
Ich wünsche mir für einen Moment, ich hätte eine Religion, von deren Gott ich für dieses kleine Hälmchen Licht erbitten könnte.
Doch das scheinbar Unmögliche geschieht auch ohne überirdische Hilfe - das Pflänzchen, ein winziger Halm nur, beginnt zu wachsen. In einem Tempo, dass ich sehen kann, wie aus dem zarten Versuch, Leben zu werden, Leben wird. Was zuvor wie durch Zeitlupe gebremst schien, hat sich nun bis zur Zeitraffergeschwindigkeit beschleunigt. Bewundernd schaue ich der Bildung der beiden schmalen länglichen Blätter zu, die sich in gleicher Höhe gegenständig um seinen schlanken Leib schmiegen wie die Arme um den Leib einer Tänzerin.
Ich bin in Botanik nicht sehr bewandert, aber es scheint eine Art Fuchsschwanz u sein; daran erinnert mich jedenfalls sein kleines flauschiges Köpfchen, das sich da mutig in die Höhe reckt.
Mit großen Augen und staunenden Gesichtes (vermute ich, sehen kann ich mich ja nicht) sehe ich weiter Ungewöhnliches geschehen:
Der Halm, während seines Wachstums etwas nachgedunkelt in ein kräftigeres, nicht mehr so grelles Grün beginnt seine Wurzeln, Beinen gleich aus der Erde zu ziehen und sich nun wie ein Mensch auf zwei Füßen vorwärts zu bewegen.
Die Geschwindigkeit scheint nun endlich ihr normales Maß gefunden zu haben. Wenigstens etwas Beruhigendes in dieser faszinierenden fremden Welt.
Während das Grasmenschlein vorwärts strebt, geht mit mir eine Veränderung vonstatten. Ich fühle, beginne zu glauben, der kleine Grashalm ist meine Person, mein Ich, von dem ich nur die Rückenpartie sehen kann, weil er vor mir ist und sich nicht umdreht.
Also schlüpfe ich auch geistig in diesen kleinen Körper und gehe weiter. Immer weiter in Richtung Feuerhorizont, die kleinen faserigen Wurzelfüße voreinander setzend.
Es dauert sehr, sehr lange, bis sich diese trostlose Landschaft verändert. Aber allmählich beginnt sich, weit vor mir, noch recht unscharf eine Mauer abzuzeichnen, ein graubraunes Bauwerk. Ein gutes Zeichen in diesem immer noch so dunklen Rotschimmer der völlig flachen erdfarbenen Ebene.
Ist das mein Ziel?
Ich möchte so schnell wie möglich diese Mauer erreichen und sehen, was sie verbirgt. Allerdings kann ich auf die noch recht große Entfernung weder rechts noch links ein Ende der Barriere entdecken und ihre Höhe scheint gute zehn Meter zu betragen.
Als ich etwas näher gekommen bin, kann ich deutlich die Spuren der Erosion sehen; überall ist Staub, und die Steine haben ihre Ecken und Kanten längst an den Wind verloren.
Aber Moos oder Flechten gibt es hier nicht. Dazu ist es wohl zu trocken.
Am Fuße der Mauer liegen Gesteinsbrocken und Geröll, als hätte vor langer Zeit ein kleineres Erdbeben versucht, das Bauwerk zum Einstürzen zu bringen. In Anbetracht der Mächtigkeit und Bauweise ein schon im Ansatz zum Scheitern verurteilter Versuch.
Wieso bemerke ich erst jetzt, dass in die Mauer ein Torbogen eingelassen ist, zu dem eine Treppe führt?
Ein Torbogen, gute fünf Meter hoch, der wie in gotischen Kirchen oder Kathedralen oben spitz zuläuft - ein merkwürdiger Kontrast zu den romanisch dicken Mauern.
Weil ich vorwärts kommen möchte, erklimme ich mit großer Mühe die ersten Stufen der Treppe, die an ihrer Sohle breiter ist als am oberen Ende, wo sie in einen dunklen Eingang mündet.
Nein! Nicht ich bin es, die die Treppe hinaufsteigt, sondern es ist wieder der kleine Grashalm, den ich vor mir sehen kann, als hätte ich mich gehäutet und meine grüne Hülle agiert allein weiter.
Wie er sich abschindet, seine faserigen Wurzelfüße und schlanken Blattarme einsetzt, um das riesige Hindernis, das jede Stufe für seine Maße darstellt, zu überwinden. Natürlich sind die Stufen, die für einen Menschen einen Schritt bedeuten, für das Pflänzlein überdimensional groß, und er muss eine gehörige Portion bergsteigerisches Talent an den Tag legen, sich in den Ritzen und Fugen der Steinplatten festkrallen und hinaufziehen. Stück für Stück, Zentimeter für Zentimeter.
Hat er zwei, drei Stufen bewältigt, scheint ihn eine unsichtbare Hand oder vielleicht eine Windböe? wieder hinunter zu stoßen, denn er strauchelt und taumelt und purzelt, sich dabei überschlagend, herab bis beinahe an den Anfangspunkt seines mühevollen Aufstiegs. Dort bleibt er ein Weilchen erschöpft liegen, fragt sich nach der Ursache des Sturzes? und setzt erneut an, sich die Treppe herauf zu quälen.
Könnte er sich auch etwas brechen? Das kann beinah nicht sein, denn ich spüre keinen Schmerz. Müsste ich das nicht, wenn er meine Haut ist?
Aber leid tut er mir, der kleine Grashalm, der sich tapfer immer wieder auf den Weg macht, um sein einmal gesetztes Ziel zu erreichen.
Nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen hat das kleine blattgrüne Wesen endlich die oberste Stufe erreicht, und ich schlüpfe wiederum hinein in seinen (meinen?) zarten Körper.
Jetzt bin ich an der Reihe, den spitzen Torbogen zu durchschreiten.
Ich möchte es tun und sollte es wohl auch, aber ich fürchte mich. Denn ich kann nicht sehen, was hinter dem Tor ist, obwohl mir keine Tür die Sicht nach innen versperrt. Da ist nur der offenen Torbogen, in dem der einzige etwas hellere Fleck, die rot glühende, verzerrte Silhouette seines Schattens, wenige Zentimeter ins Innere des dunklen Geheimnisses hineingeworfen, nur Fragen und keine Antworten sehen lässt. Alles andere, Seitenwände (denn es wird ja wohl welche geben, denke ich) oder Gänge, Hallen und Ähnliches wird von tiefer Schwärze verschluckt, wie von einem gierigen Tier eingesaugt.
Los! treibe ich mich an. Wohl ist mir nicht dabei. Aber nun bin ich einmal hier oben angelangt, und niemand kommt weiter, wenn er auf der Stelle tritt.
Ich atme noch einmal ganz tief durch, ziehe den Kopf, in Erwartung eines Schlages?, ein - und gehe in das Dunkel.
Ich glaube gegen eine Wand aus Gummi zu laufen. Die Beine werden schwerer und schwerer. Ich atme keuchend und der Schweiß der Anstrengung rinnt mir den Körper hinunter, brennt in meinen Augen und schmeckt, wie Schweiß schmeckt, salzig.
Als ich, fast am Ende meiner Kräfte, enttäuscht aufgeben will, ist auf einmal der Widerstand verschwunden und ich kann den Torbogen passieren. Dadurch, dass die Hemmung durch das unsichtbare Hindernis so plötzlich nachließ, werde ich das letzte Stück regelrecht nach innen gedrückt, so dass ich Mühe habe mich zu fangen und das Gleichgewicht zu halten. Völlig erschöpft sinke ich in die Knie und krieche zur Seite, bis ich zu meiner Rechten eine Steinwand fühlen kann. Weil mich ein Schwindelgefühl übermannt, schließe ich kurze Zeit die Augen und lehne meine Stirn an die Mauer. Sie ist angenehm kühl und ich genieße die Kühle auf meiner Haut.
Als ich meine Augen wieder öffne, begreife ich erleichtert - ich habe es geschafft! Hinter mir das unheimliche Tor existiert nicht mehr, es hat sich, wie all die anderen Hindernisse vorher, meinem Gesichtsfeld entzogen. An seiner Stelle ist eine Wand, als hätte die Mauer nie eine Öffnung besessen.
Im Inneren des Ganges, denn in einem solchen befinde ich mich, ist es nicht mehr so dunkel, sondern ein sanfter Schatten verbreitet Frische. Wie ich vor dem Tor schon sah, ist die Bauweise eigentlich romanischer Art. Das bestätigt sich auch in den Bögen, die sich Fenstern gleich auf der rechten Seite aneinander reihen und durch starke, kantige Säulen voneinander getrennt sind. Dieser Gang, der zu einem alten Kloster gehören könnte, auch die Kreuzgewölbe der Decke entlang der Fensterbögen lassen darauf schließen, zieht sich scheinbar endlos hin. In der linken Seite sind in Abständen von wenigen Metern viele kleine dunkelbraune Türen eingelassen, die aber meine Neugier nicht wecken.
Meinen Blick zieht es nach rechts, wo sich durch die Fensterbögen ein Garten vor mir zeigt. Grün! Gesundes, frisches Grün! Der Grashalm, der mir lange Zeit eine Hülle war, trennt sich nun endgültig von meinem Körper und verschwindet in der saftigen Farbe, glücklich, nicht nur der einzige Farbtupfer in einer tristen Erdwelt zu sein.
Und dann, als ich nach oben schaue, bemerke ich es: Licht! Klares, helles Himmelblau! Der Feuerschein ist verschwunden und gierig atme ich den herrlichen Azur in mich ein. Das Atmen geht leicht. Der tönerne Panzer um meine Brust muss mir bei meiner Metamorphose zum Grashalm abhanden gekommen sein. Und ich bin dankbar dafür.
Der Garten ist recht groß und quadratisch; ich kann auf jeder seiner vier Seiten die Fensterbögen und Gänge sehen. Es gibt keine Blumen darin, wohl aber einen sehr gepflegten, kurz gemähten Rasen. Ich beuge mich ein wenig über das Mauerwerk und sehe unter mir auch ein paar Kräuterbeete. Das ist ja auch das Mindeste, was man von einem Kloster verlangen kann, die Werbung zeigt es ja schließlich immer so.
Das Beste allerdings ist ein kleiner Springbrunnen in der Mitte dieses grünen Paradieses. Rund und in zwei Etagen gebaute sieht er aus wie der im Park meiner Heimatstadt und sprudelt leise vor sich hin. Es ist ein wunderbares Gefühl, so etwas Bekanntes zu sehen und auch, nach so langer Zeit wieder einmal ein Geräusch zu hören.
Ich sehe das blitzende Wasser mit sich spielen und verspüre Durst. Aber ich halte mich nicht auf und gehe weiter. Sicher bin ich nicht durch das dunkle Tor gegangen um Wasser zu trinken.


Ankunft

Ich muss lange an den vielen kleinen Türen zu meiner Linken vorbeilaufen bis ich am Ende des Ganges eine große Ebenholztür entdecke. Ein neues Ziel, das meine Schritte schneller werden lässt.
Die wuchtige Tür ist sehr schwer und hat sich wohl im Laufe vieler Jahre ein wenig gesenkt, denn als ich sie öffnen möchte, kostet mich das einiges an Kraft. Sie schabt und schleift auf steinernem Fußboden und gibt gerade soviel nach, dass ich mich hindurch zwängen kann.
Sie fällt hinter meinem Rücken geräuschvoll wieder zu - und ich stehe abermals im Finstern. Ich kann also nicht mehr zurück. Wollte ich zurück?
Ich horche in mich hinein, ob die Angst wieder kommt, kann aber nichts dergleichen feststellen.
Stattdessen höre ich etwas anderes. Ich muss in einem sehr großen Raum, einer Halle oder Höhle sein, denn das Tropfen von Wasser, das ich vernehme, kommt aus einiger Entfernung, hallt aber laut und deutlich durch die Dunkelheit. Es klingt, als würde aus einem undichten Hahn, unter den aus ökonomischen Gründen ein Zinkeimer gestellt wurde, kostbares Nass tropfen. So laut, als wäre es ganz nah.
Weil ich dadurch an mein Durstgefühl erinnert werde, taste ich mich vorsichtig in die Richtung des Plätscherns. Unsicher. Weil ich nicht sehen kann, wohin ich laufe. Weil ich nicht weiß, ob der Boden vor mir eben ist oder tückische Schlingen, Stolpersteine oder Fallgruben verbirgt. Ich möchte mir aber von meiner eigenen Phantasie keinen Streich spielen lassen und gehe weiter. Man kann diese Art sich fortzubewegen gar nicht als gehen bezeichnen. Es ist eigentlich mehr ein Schlurfen oder Vorwärtsschieben meiner Füße auf dem Boden.
Als ich auch nach längerer Suche die Quelle des Tropfgeräusches nicht finden kann, beginnt ein schwacher, gelblicher Lichtschein meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, so dass ich das Bedürfnis zu trinken wieder einmal verdränge. Er ist nicht sehr hell, aber ausreichend genug, um mir eine Orientierung zu geben und zieht mich magisch an, so dass ich meinen Durst bald ganz vergessen habe.
So kann ich zielgerichtet auf dieses Scheinen zugehen und schließlich angelangt, kann ich feststellen, dass das Leuchten von einer Blume ausgeht, die so schön wie eigenartig ist.
Der Stiel und das Blattwerk sind eindeutig einer Rose zuzuordnen, aber die Farbe derselben ist schwarz, und es hat den Anschein, als wären sie ein schmiedeeisernes Meisterstück. Die Blüte aber - und genau von ihr kommt das Glimmen - ist keine Rose. Sie hat die Form einer Kakteen- oder vielleicht auch einer Freesienblüte, ist aber nicht rot oder rosa, sondern eben von diesem milden hellen Gelbton, der sich so schwer beschreiben lässt. Es ist kein Sonnengelb und hat auch überhaupt nichts grelles an sich. Man könnte es eher als blass bezeichnen, zur Mitte hin vielleicht ein wenig Kräftiger als an den Blütenspitzen, wo mehr ein cremeweiß durchscheint. Am treffendsten wäre wohl die recht widersprüchliche Bezeichnung „ein warmes Eisgelb“.
Das sind aber der Eigenarten dieser ungewöhnlichen Pflanze noch nicht genug.
Sie muss ein Eigenleben haben. Die schwarzen Rosenblätter bewegen sich, wiegen sich, als würden sie von einem Windhauch gestreichelt, obwohl ich nichts dergleichen spüren kann. Wenn ich näher an sie heran trete, um in den sanftgelben Kelch schauen zu können, schließen sich die zarten Blütenblätter als wollten sie meine Neugier verhöhnen. Doch in mir ist der unwiderstehliche Drang, diese wunderschöne Blume zu betrachten, ihren zauberhaften Anblick zu genießen, ihren feinen Duft zu schmecken. Sie zu bewundern und zu beschützen. Sie fasziniert mich so sehr, dass ich alles um mich herum dem Vergessen schenke. Ich kann auch kein Tropfen mehr hören - und es fehlt mir kein bisschen.
Für mich zählt nur noch diese Rose mit der bezaubernden Kakteen- oder Freesienblüte, (ich kann es immer noch nicht einordnen, aber das ist wohl auch nicht wichtig) die mir ihr Innenleben nicht preisgeben möchte. Beinahe glaube ich, sie wolle mit mir spielen, denn das Auf und Zu des Blütenkelches verläuft indirekt proportional zu meiner Entfernung zu ihr. Je näher ich an sie herantrete desto enger falten sich die blassgelben Hüllen um ihre geheimnisvolle Mitte, weiche ich zurück, öffnen sie sich wieder und verleiten mich aufs Neue, einen Blick in ihr Zentrum werfen zu wollen.
Ich kann nicht einschätzen, wie lange dieses Spielchen geht. Doch nach geraumer Zeit scheint meine Beharrlichkeit Früchte zu tragen, denn plötzlich hat s sich dieses botanische Wunder anders überlegt.
Als ich mich ihr ein weiteres Mal nähere, verschließt die Blume ihren Kelch nicht mehr vor meinen Blicken. Im Gegenteil - sie entfaltet sich und reckt sich bis an die Grenzen ihrer Möglichkeit, bauscht sich auf und beginnt allmählich sich zu verändern.
Die Farben der Blütenblätter verblassen noch ein wenig mehr. Dafür legen die Staubgefäße ein kräftigeres Gelb auf. Die vorerst schlanken, schmalen Kronenblätter werden länger und kräftiger, bis sie, fast vollständig weiß, und ihre Staubgefäße mit dem Stempel leuchtend gelb zu einer prächtigen Seerose geboren sind.
Den „schmiedeeisernen“ Stiel und die Blätter kann ich ob dieser Fülle nicht mehr finden; sie sind unter dem Meer von Weiß und Gelb verborgen.
Ich bin mir so sicher wie niemals vorher in meinem Leben, dass diese Blume die schönste pflanzliche, ja die überhaupt schönste Schöpfung auf dieser Welt ist. Es existiert nur noch dieses Wunder, das sich mir zart duftend entgegen reckt und nun sein ganzes Innenleben meinen Blicken preisgibt. Dabei durchströmt mich ein wunderbares Gefühl, so viel Wärme, Ruhe und Geborgenheit. Dieses Wesen, das ich schützen wollte, würde mich behüten. Ich weiß, im Schimmern meiner Blume, ich fühle, es ist meine Blume, kann ich ausruhen. Ich bin nach langer beschwerlicher Reise zu Hause angekommen.
Leider dauert dieses Glück für mich nicht lange, denn ein siebenter Sinn sagt mir, dass ich plötzlich nicht mehr allein bin in dieser Halle.
Ich kann niemanden sehen, aber in meinem Rücken spüre ich zwölf Augenpaare auf mir ruhen. Sie wollen mir etwas mitteilen, ohne Worte, wohl mit einer Art Telepathie.


Abschied

Mit dieser Fähigkeit graben sie sich in mein Gehirn und möchten mich, erst schmeichlerisch sanft, dann jedoch sehr nachdrücklich beeinflussen, die Seelensymbiose, die ich mit der Blume eingegangen bin, aufzugeben.
Was verlangen die da von mir?! Ich kenne sie ja nicht einmal! Sie wollen mir nicht einmal einen Grund für ihre Forderung nennen!
Diese Blume, ich fühle, ich kenne sie schon eine Ewigkeit, und ich, wir gehören zusammen! Ich will nicht auf die stummen Worte der sprechenden Augen hören!
Der Schmerz ist unbeschreiblich, heiße Tränen rinnen mir lautlos brennend über die Wangen, als ich fortgerissen werde. Gerade noch kann ich einen letzten Blick auf meine Rose werfen, der sich tief in mein Innerstes eingraviert.
Dann packt mich ein Strudel und ich falle. Und falle ins Bodenlose.
Wieder zu mir gekommen finde ich mich in einem Gang wieder, der dem gleicht, in welchem ich mich anfangs befand, als hinter dem großen Torbogen Fenster den Blick in den Garten freigaben. Jetzt aber scheint kein Himmelblau durch dieselben. Ist es Nacht? und zwölf mit langen schwarzen Kutten bekleidete Personen stehen um mich herum. Sie tragen schwarze Kapuzen über ihren Köpfen, so dass ich nun nicht einmal ihre Augen sehen kann.
Aber mich beeindruckt nichts mehr, denn ich bin nur noch eine pergamentene Hülle. Mein Ich habe ich bei der Rose gelassen. In mir ist Leere.
Also ist auch Angst für mich ein Fremdwort und ich weiß nicht, was diese zwölf Gestalten von mir wollen.
Wortlos führen sie mich durch den dunklen Gang, der ebenfalls wie der erste sehr lang sein muss. Denn wiederum vergeht viel Zeit, bevor wir in eine andere Halle gelangen.
Sie ist etwas heller als die, in der ich meine Blume fand, aber hier scheint das Licht aus dem Nichts zu kommen. Lampen, Scheinwerfer, Kerzen oder Ähnliches gibt es nicht; das Licht ist einfach da.
In der Mitte dieses Raumes ist ein kreisrundes Podest, dessen drei Stufen nach oben immer kleiner werden. Die oberste hat nur noch die Größe einer mittleren Tischplatte. Auf diese werde ich wortlos geheißen mich zu setzen und harre nun der Dinge, die da kommen sollen.
Die zwölf Gestalten stehen im Kreis um mich herum und versuchen mir mit ihren telepathischen Fähigkeiten etwas einzureden oder mich von etwas überzeugen zu wollen. Da ich aber nur eine Hülle ohne Inhalt bin, können sie zu mir nicht mehr durchdringen. Doch ich kann mich aufgrund der gleichen Tatsache ihrer auch nicht erwehren und lasse ihre Bemühungen, meinen Willen beeinflussen zu wollen, apathisch über mich ergehen.
Ich habe das Gefühl, sie wollen mich schulmeistern und wäre mir nicht alles gleichgültig, würde ich mich dagegen auflehnen.
Ach, leckt mich doch...!
Ich denke nur an meine Rose. Ich klammere mich an das letzte Bild. Zu ihr möchte ich zurück, und dies ist mehr Instinkt als Wille. Nur sie wäre in der Lage meinen leeren Körper wieder mit Leben auszufüllen.
Ich mag sie nicht besitzen. Ich mag sie Nicht brechen. Ich will sie nicht stehlen. Ich will sie nur leben.
Was ist so schlimm daran, sich festzuklammern an die Erhaltung des eigenen Ich?
Die zwölf Vermummten scheinen meine Gedanken lesen zu können. Da der Gedanke an die Blume der einzige ist, der mich beherrscht, und sie meine Meinung nicht ändern können, werde ich herunter gestoßen von dem Podest, geschoben und getrieben bis und durch eine schwere eisenbeschlagene Tür.
Ich finde mich auf der obersten Stufe einer breiten Treppe wieder, hinter mir einen großen Torbogen und Dunkelheit. Vor mir schmutziges Rostrot.
Der Rückweg ist abgeschnitten.
Betäubt steige ich die Stufen hinab und gehe über den mit Kopfsteinen gepflasterten Platz auf sein Zentrum zu, in dem ein Springbrunnen lautlos seine Wasser in die Höhe wirft. Ein Springbrunnen, wie ich ihn im Garten des geheimnisvollen Klosters sah, nur fremder und dessen Fontänen viel größer sind.
An der Spitze der oberen Fontäne hüpft eine kleine schwarze Kugel von der Größe eines Tennisballes auf und nieder. Mit jedem neuen Wasserschub wird sie weiter hinaufgetragen in den trüben Rosthimmel.

Höher, höher und höher....

sapphoris Offline




Beiträge: 1.492

19.03.2009 19:13
#58 Nicht auf meinem Mist gewachsen - aber sehr schön Zitat · antworten

Perfektes Herz

Eines Tages stand ein junger Mann mitten in der Stadt und erklärte, dass er das schönste Herz im ganzen Tal habe. Eine große Menschenmenge versammelte sich, und sie alle bewunderten sein Herz, denn es war perfekt.
Es gab keinen Fleck oder Fehler in ihm. Ja, sie alle gaben ihm Recht, es war wirklich das schönste Herz, was sie je gesehen hatten. Der junge Mann war sehr stolz und prahlte lauter über sein schönes Herz.

Plötzlich tauchte ein alter Mann vor der Menge auf und sagte: Nun, dein Herz ist nicht mal annährend so schön wie meines. Die Menschenmenge und der junge Mann schauten das Herz des alten Mannes an. Es schlug kräftig, aber es war voller Narben, es hatte Stellen, wo Stücke entfernt und durch andere ersetzt worden waren. Aber sie passten nicht richtig, und es gab einige ausgefranste Ecken. Genauer an einigen Stellen waren tiefe Furchen, wo ganze Teile fehlten. Die Leute starrten ihn an: Wie kann er behaupten, sein Herz sei schöner, dachten sie?
Der junge Mann schaute auf des alten Mannes Herz, sah dessen Zustand und lachte: Du musst scherzen, sagte er, dein Herz mit meinem zu vergleichen. Meines ist perfekt und deines ist ein Durcheinander aus Narben und Tränen. Ja, sagte der alte Mann, deines sieht perfekt aus, aber ich würde niemals mit dir tauschen. Jede Narbe steht für einen Menschen, dem ich meine Liebe gegeben habe. Ich reiße ein Stück meines Herzens heraus und reiche es ihnen, und oft geben sie mir ein Stück ihres Herzens, das in die leere Stelle meines Herzens passt. Aber weil die Stück nicht genau sind, habe ich einige raue Kanten, die ich sehr schätze, denn sie erinnern mich an die Liebe, die wir teilten.
Manchmal habe ich auch ein Stück meines Herzens gegeben, ohne dass mir der andere ein Stück seines Herzens zurückgegeben hat. Das sind die leeren Furchen. Liebe geben heißt manchmal auch ein Risiko einzugehen. Auch wenn diese Furchen schmerzhaft sind, bleiben sie offen und auch sie erinnern mich an die Liebe, die ich für diesen Menschen empfinde. Und ich hoffe, dass sie eines Tages zurückkehren und den Platz ausfüllen werden. Erkennst du jetzt, was wahre Schönheit ist?

Der junge Mann stand still da und Tränen rannen über seine Wangen. Er ging auf den alten Mann zu, griff nach seinem perfekten jungen und schönen Herzen und riss ein Stück heraus. Er bot es dem alten Mann mit zitternden Händen an. Der alte Mann nahm das Angebot an, setzte es in sein Herz. Er nahm dann ein Stück seines alten vernarbten Herzens und füllte damit die Wunde des jungen Mannes Herzen. Es passte nicht perfekt, da es einige ausgefranste Ränder hatte. Der junge Mann sah sein Herz an. Nicht mehr perfekt, aber schöner als je zuvor, denn er spürte die Liebe des alten Mannes in seinem Herzen fließen. Sie umarmten sich und gingen weg, Seite an Seite.

Moni Offline

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20.03.2009 20:42
#59 RE: Nicht auf meinem Mist gewachsen - aber sehr schön Zitat · antworten


Neue Geschichten ?

Olaf druckte sie mir gestern aus und nun habe ich sie auch im Bett ausgelesen .

SCHÖN GESCHRIEBEN !

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Es einen jeden Menschen Recht zu machen - Ist eine Kunst die kann keiner schaffen !

sapphoris Offline




Beiträge: 1.492

20.03.2009 21:12
#60 RE: Der Anfang einer neuen Spinnerei - Fertigstellung kann noch dauern Zitat · antworten

Ich hasste Peter Pan – mit all seinen wunderbaren Gedanken, mit deren Hilfe man fliegen kann.
Ich hasste jeden Gedanken an diese Gedanken. Ich hasste alle Gedanken.

„Die Gedanken sind frei…“ – ein altes deutsches Lied. „Kein Mensch kann sie halten…“Wie wahr .
Es dachte von selbst, ständig und unaufhörlich.
Es heißt, im Schlaf denkt man nicht. Stimmt nicht. Der ganze Müll, der sich tagsüber oder aber auch über Jahre angesammelt hat, wird nächtens „durchdacht“. Was wir davon mitbekommen, sind die Traumfetzen, an die wir uns kurz nach dem Aufwachen erinnern – meistens irgendwelche schwer zu deutenden kryptischen Versionen unserer Erlebnisse, Vorahnungen oder eben der irgendwann gedachten Gedanken.

Ich dachte immer, und während ich dachte, wurden diese Gedanken in hunderte Dateien geschrieben, gespeichert und mehr oder weniger automatisch zugeordnet. Mein Arbeitszimmer glich einer Computerzentrale der NASA.



Ich lies mich mit dem Taxi ins Forschungszentrum für mentale Kommunikation chauffieren. Ich war aufgeregt. Nachdem ich vor etwa einem halben Jahr die Hoffnung aufgegeben hatte, jemals von Professor Nurian etwas zu hören, traf mich die gestrige telefonische Einladung zu einem ersten Gespräch wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Ich zahlte das Taxi und begab mich neugierig und etwas nervös in die Eingangshalle eines Gebäudes, das überwiegend aus Glas und Beton errichtet war und mit seiner rechteckigen Form eher an eine Fabrik erinnerte. Nur dass man von außen nicht in die Fenster hineinsehen konnte.
An der Rezeption saß eine mollige Frau von cirka dreißig und lächelte mir zu.
„Kann ich ihnen helfen?“ Ihre Stimme klang belegt, als habe sie einen Kloß im Hals.
„Oh, ja. Ich habe einen Termin bei Professor Nurian.“ Ich räusperte mich ein wenig und fügte entschuldigend hinzu: „Ich bin wohl etwas früh dran.“
„Bitte nehmen Sie doch Platz! Möchten Sie ein Glas Wasser?“, und fuhr erklärend fort: „Kaffee ist vor Untersuchungen nicht so gut.“
Sie lächelte mich an, als hätte sie Mitleid mit mir.

Als ich den Becher mit dem stillen Mineralwasser ansetzte, merkte ich, dass ich tatsächlich eine trockene Kehle hatte.

Ich wusste nicht mehr, wie viel Wartezeit vergangen war, als eine der großen weißen Türen aufging und eine hoch gewachsene Frau von etwa fünfzig heraustrat. Sie hatte dicke dunkelblonde Haare, die sie straff nach hinten gekämmt und zu einem Pferdeschwanz gebändigt hatte. Ich bemerkte, dass sie vermutlich ihre Haare tönte oder färbte, denn es war keine Spur von grau zu erkennen. Unter dem offenen weißen Kittel trug sie ausgewaschene hellblaue Jeans und einen hellgrauen dünnen Pullover mit Rollkragen. Ihre Brille hatte eine dicke weiße Fassung.
Sie schmunzelte, wohl, weil sie gemerkt hatte, wie ich sie taxierte, kam auf mich zu und streckte mir ihre Rechte entgegen.
„Seien Sie herzlich willkommen! Ich bin Professor Ermengard Nurian.“
„Guten Tag. Danke sehr. Ich bin …“ Ich kam nicht dazu, mich vorzustellen.
„Ich weiß, wer Sie sind. Ich habe Sie erwartet. Folgen Sie mir bitte.“ Sie legte mir ihre linke Hand auf den Rücken und führte, nein schob mich in die Richtung der Tür, aus welcher sie die Eingangshalle betreten hatte.
Auch diese führte jedoch nur in einen Flur und nach sieben Etagen mit dem Lift und mehreren Abzweigungen standen wir vor einer mit hellbraunem Leder gepolsterten Tür. Seitlich von dieser war ein Schild befestigt:

Prof. Dr. Dr. Ermengard Nurian
Forschungsinstitut für mentale Kommunikation
Leiterin

Beeindruckt starrte ich auf die lange Reihe von Titeln.

Professor Nurian schloss auf und bat mich hinein.


„Treten Sie ein und nehmen Sie Platz.“ lächelte sie freundlich und vollführte eine einladende Geste in Richtung eines bequemen Sessels.

Einige Sekunden sahen wir uns schweigend an, dann eröffnete sie mir: „Ich habe lange überlegt, ob ich Sie einlade. Sie gehören einer Gruppe von Menschen an, die meines Erachtens nach für die Inanspruchnahme der Möglichkeiten der mentalen Kommunikation zwar geeignet erscheinen, aber aufgrund ihres Berufes gewissen Gefährdungen unterliegen.“
Professor Nurian machte eine kurze Pause, während sie mich prüfend anschaute. Sie konnte ohne weiteres mein Erstaunen erkennen.
„Und nun fragen Sie sich, weshalb ich meine Meinung geändert habe.“
Ich nickte und verstand kein bisschen.
„Nun“, fuhrt sie fort, „die verschiedenen Möglichkeiten der mentalen Kommunikation sollen der Vereinfachung der Aufzeichnung, Speicherung und Vervielfältigung von Gedankengut dienen. Und zwar von Gedankengut, dass sich unmittelbar dem zügigen Voranschreiten der Erfahrungen in Wissenschaft und Forschung in den Dienst stellt. Also Gedanken- und Ideengut, welches explizit der Weiterentwicklung von Forschungsergebnissen zur Verfügung gestellt werden kann.“
Sie lies die Worte auf mich einwirken und sagte dann mit einem leichten Bedauern in der Stimme: „Und dieser Berufsgruppe gehören Sie nun einmal nicht an.“
Ich nickte abermals und verstehe ein wenig mehr. Was ich allerdings immer noch nicht begriff, warum mich Professor Nurian dennoch zu einem Gespräch eingeladen hatte.
Sie beantwortete umgehend meine nicht gestellte Frage.
„Nachdem das Institut nunmehr über ausreichend Erfahrungen verfügt, die eben dieses spezifische Gedankengut betreffen, tragen wir uns mit dem Gedanken, unsere Forschungsergebnisse auch auf Gebieten einzusetzen, die nicht nur wenig oder nichts mit Wissenschaft zu tun haben, sondern im Gegenteil wenig spezifisches und faktengebundenes Wissen voraussetzen. Das heißt im Einzelnen, das wir bestrebt sind, auch auf dem Gebiet der „Freien Gedanken“ die Möglichkeiten der mentalen Kommunikation zu verwenden. Nicht nur, aber auch, um in Erfahrung zu bringen, in wieweit, die mentale Kommunikationstechnologie in der Lage ist, die vielfältigsten Spektren des menschlichen Denkens in jedweder Form festzuhalten. Ebenso interessiert uns die Unermesslichkeit der Gedanken in quantitativer Form zu erfassen und somit herauszubekommen, ob und inwieweit es möglich ist, multiple Gedankengänge, die parallel ablaufen, zeitgleich, aber getrennt zu dokumentieren. Und dafür scheinen Sie nun wiederum eine der geeigneten Personen zu sein.“
Ich schnappte nach Luft. „Was lässt Sie zu dieser Schlussfolgerung kommen, Professor?“
„Weil“, antwortete sie lächelnd, „Ihr Roman „The parallel scripts“ doch für sich sprechen. Er scheint ja mehr oder weniger autobiographisch zu sein, so dass wir, das heißt, die Mitarbeiter des Institutes der Annahme sind, Ihre Gedankengänge verlaufen genauso oder so ähnlich, wie Sie es in eben diesem Roman beschrieben haben. Ich denke nicht, dass wir da einem Irrtum unterliegen.“
Mir dröhnte der Kopf. „The parallel scripts“ war mein zweiter Roman, den ich unter Alkohol- und Drogeneinfluss geschrieben hatte. Ich hatte zu diesen „bewusstseinserweiternden Hilfsmitteln“ gegriffen, da mein erster Roman „Der Fluch der Suche“ ein Flop geworden war.
„The parallel scripts“ hatte dagegen in Literaturkreisen für Aufsehen gesorgt und mir nicht nur gute Kritiken, sondern auch einige Preise eingebracht.
Ich war mir aber nicht schlüssig, ob ich den damaligen Gebrauch von Drogen erwähnen sollte oder ob Professor Nurian dies bereits wusste oder ahnte.

„Wenn ich Sie recht verstehe, Professor, dann interessiert es sie, ob es mit Hilfe der mentalen Kommunikationstechnologie möglich wäre, mehrere parallel ablaufende Gedanken oder Überlegungen festzuhalten, sozusagen Ideenflucht zu dokumentieren.“
„Genau so wollen wir es verstanden wissen. Und noch mehr. Wir sind dabei, die Programme so zu entwickeln und umzuarbeiten, dass man die einzelnen Fragmente, die Ihnen im Kopf herumschwirren nicht mehr manuell trennen muss. Die Programme sollten mittlerweile so ausgefeilt sein, dass sich jedes Mal, wenn sie eine Idee haben, die es wert ist, dokumentiert zu werden, eine neue Datei öffnen wird, wenn der Gedanke, den Sie als nächstes ausbrüten thematisch nicht zum vorhergehenden passt.“
„Das heißt?“ grübelte ich laut.
„Das heißt, dass Sie theoretisch drei, zehn oder auch zwanzig Romane gleichzeitig schreiben könnten. Zum Beispiel einen Thriller, ein Märchen und einen Liebesroman. Das Programm wird nach einer gewissen Lernphase erkennen, zu welchem Buch die jeweiligen Gedanken zuzuordnen sind.“ Jetzt strahlt Professor Nurian über das ganze Gesicht.
Und sie hat Grund. Weiß sie doch ganz genau, dass sie mich mit diesen verlockenden Ideen von der Notwendigkeit überzeugt hat, die mentale Kommunikationstechnologie persönlich auszuprobieren.

Ich richtete mich in meinem Sessel auf und blickte Professor Nurian in die graugrünen Augen, die hinter der weißumrandeten Brille eigentümlich flackerten.
Sie erahnte meine Neugierde und Ungeduld und wartete auf meine Fragen.
„Wie funktioniert diese Technologie?“ schoss ich los.
Professor Nurian antwortete mit einer Gegenfrage: „Wie schreiben Sie, wenn Sie schreiben?“
„Wie meinen Sie das?“
„Benutzen Sie ein Diktiergerät oder sitzen Sie am Computer oder Laptop oder bevorzugen Sie Stift und Papier?“
„Ach so.“ sagte ich erleichtert. „Ja als ich anfing zu schreiben, habe ich schon die manuelle Schreibweise bevorzugt. Aber wenn ich es dann, anfangs mit der Schreibmaschine, später dann am PC ins Reine übertragen wollte, kamen mir bei der Abschrift bereits neue Gedanken und ich begann mich zu verzetteln. Ich wurde nie fertig, hatte mehrere Sachen begonnen, ohne sie jemals abzuschließen. Später schrieb ich gleich am Laptop, mitunter auch mehrere Dinge. Mit dem Diktiergerät hatte ich immer Probleme, weil man schließlich und letztendlich schneller denken als sprechen kann.“
„Und man kann auch schneller denken als schreiben.“ fügte Professor Nurian hinzu.
Ich nickte.
„Deshalb“, setzte sie nach, „basiert die Technologie der mentalen Kommunikation auf der Umwandlung der Gedanken, welche ja auf elektromagnetischer Basis funktionieren, in Signale, die das Computerprogramm verstehen und eintippen kann. So als bedienten Sie, während Sie Ihre Gedanken wälzen, die Tastatur.“
Ich hätte am liebsten vor Ungeduld gezappelt.
„Also würde ich die nötige Software brauchen, um ohne einen Finger bewegen oder ohne ein Wort sagen zu müssen, Bücher schreiben zu können?“
„Unter anderem.“ Kam die prompte Antwort.
Das lies mich fragend aufhorchen.
„Unter anderem?“ ‚Komm schon’, dachte ich, ‚lass die Katze aus dem Sack! Ich platze gleich vor Neugierde.’
„Es genügt nicht nur, die nötige Software zu besitzen“, erläuterte sie mit einem erheiterten Unterton in ihrer Stimme.
„Das beinahe Wichtigste ist die Hardware. Und die“ sagte sie theatralisch, „werden Sie selbst sein.“
„Ich?“ staunte ich fragend und setzte kurzerhand erkennend nach: „Ich.“
„Ja. Und außer Ihnen selbst noch ein weiteres kleines Bauteil, welches in ihrem PC platziert werden müsste.“


Ich hatte mich „ausgeklinkt“ und war dabei meine Gedanken zu „ordnen“. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Ich wusste, dass mir währenddessen viele, vielleicht wichtige Gedanken verloren gingen, da ich sie nicht festhalten konnte, solange ich mich vom Netz der mentalen Kommunikation getrennt hatte. Und während ich getrennt war, schrieb das Programm meine Gedanken nicht auf, auch wenn ich dabei dachte – und das tat ich immer.
Doch so wundervoll dieses Erfassungsprogramm auch funktionierte, steckte es immer noch in den Kinderschuhen.
Mittlerweile waren auf meinem PC etwa zweihundertfünfzig Dateien eines allseits beliebten Textverarbeitungsprogramms geöffnet worden und harrten nun ihrer Kategorisierung und endgültigen Bearbeitung, Zuordnung und Speicherung.
Schon die Vorahnung der Sisyphos – Arbeit, die auf mich lauerte, erfüllt mein Hirn mit einem unangenehmen, stetig zunehmendem pulsierendem Druckschmerz.
Aber ich musste die begonnenen Sachen durchsehen und vervollständigen. Deshalb musste ich aus der mentalen Vernetzung herausschlüpfen, um in Ruhe und ohne die Gefahr der Ansammlung neuer Dateien, die bereits vorhandenen durchzusehen.
Weil das Programm die Dateien nur nummerierte, war ich gezwungen, sie mir alle einzeln anzusehen, da ich anhand der Nummer nicht erkennen konnte, um welchen Gedanken es sich gerade handelte, als er niedergeschrieben wurde.

Ich zappte also zwischen den einzelnen Buttons hin und her und konnte einige wenige Dateien auch recht zügig zu einer gesamten verbinden, da mir schnell klar wurde, dass die Gedanken dazu Teile eines meiner neuen Romane waren.
Der Großteil der aufgeschriebenen Gedanken entpuppte sich als Wirrwarr und ist schwieriger einzuordnen. Die Dateien, die ich als gedachte Dialoge mit Menschen identifizierte, konnte ich löschen. So auch ein fiktives Gespräch mit meiner Tochter, die wieder einmal in Geldnöten war und sich sicherlich erhoffte, dass sich wie schon so oft jemand fände, der für sie die Kastanien aus dem Feuer holte. In meinem gedachten Zwiegespräch mit ihr hatte ich ihr klar und deutlich meinen Standpunkt dargelegt, dass sie, um ihren finanziellen Engpass zu beseitigen, einer Arbeit nachgehen müsse, ganz gleich, ob diese nun ihren Vorstellungen entspräche oder nicht.
Da ich ganz sicher nicht darum herumkommen würde, mich mit ihr über dieses Thema persönlich zu unterhalten, löschte ich die betreffende Datei kurzerhand und war froh, dass ich in diesem Augenblick nicht vernetzt war, denn beim Lesen dieser Zeilen machte ich mir automatisch Gedanken – und diese wären ja im Falle einer mentalen Verbindung zu meinem PC unweigerlich aufgeschrieben worden. Sie hätten also zur Eröffnung einer neuen nummerierten Datei geführt…
Ebenso war ein Telefonat mit meinem Sohn als Datei festgehalten worden, der für den morgigen Tag einen kurzen Besuch angekündigt hatte.
Solche und ähnliche Sachen waren nicht speicherungswürdig und wurden von mir gelöscht.

Den größten Teil der Arbeit machten die Dateien aus, die ich, nicht ohne sie wenigstens zu überfliegen speichern oder löschen konnte.
Bei denen, welche ich mit einer Speicherung würdigte, musste ich mir zugleich auch einen passenden Namen ausdenken, damit ich bei Bedarf, ohne lange raten zu müssen, um welchen Gedanken es sich dabei handelte, unverzüglich zugreifen konnte.
Das war ziemlich schwer, weil diese Dateien zwar einige gute Gedanken oder Ideen für einen potentiellen neuen Roman enthalten könnten, aber eben meist nur Fragmente sind, die mir während meiner Grübeleien in den Kopf kamen. Meist waren es solche Geistesspritzer, die ihrem Namen alle Ehre machten, nämlich geboren während des Genusses eines geistigen Stimulans, vornehmlich des Weingeistes.
Und dieser beflügelnde Geist sprach in letzter Zeit sehr oft aus mir. Er brachte mich auf hanebüchene Ideen, die es meist auch wert waren, als Datei verewigt zu werden.

Einige dieser Ideen allerdings fand ich zwar persönlich sehr toll und anregend, aber sie beinhalteten Gedanken über meine sexuellen Abenteuer oder Phantasien – und gehörten selbstverständlich ebenfalls gelöscht. So etwas würde ich definitiv nicht auf einem PC speichern. Man wusste ja im Zeitalter der heutigen Technik nie, ob nicht doch Unbefugte darauf Zugriff erlangen könnten.

Einen gesonderten Ordner erstellte ich für die Gedanken, die sich mit einer Buchidee befassten, in welchem ich eine Gesellschaft beschrieb, in der die Menschen so genetisch verändert waren, dass sie innerhalb ihres gesamten Lebens zweimal entscheiden konnten, welches Geschlecht sie haben möchten. Ich gedachte, sie dieses nach dem Ende der Pubertät und letztmalig im Alter von dreißig Jahren entscheiden zu lassen und setzte voraus, dass daraus Probleme erwachsen würden, weil ein Großteil der Geschlechtswechsler dann bereits Eltern wären.
Ich war sicher, diese Idee war ausbauwürdig und könnte sich innerhalb der nächsten Monate zu einem Bestseller entwickeln. Mir war nur bisher noch kein passender Titel eingefallen. Das bedeutete in meinen Augen ein gutes Zeichen. Denn wenn nur ein Titel da ist, aber die Spannung in einer Geschichte fehlt, ist das ganze Buch nichts wert. Also beschloss ich auf eine irgendwann auftauchende spontane Eingebung zu warten und kümmerte mich um die restlichen Dateien.

Nach sechsunddreißig Stunden und zweieinhalb Flaschen halbtrockenem Weißwein waren endlich alle Dateien zu meiner Zufriedenheit zugeordnet und lauerten darauf, irgendwann einmal in einem Buch zu ihrer wahren Bedeutung zu gelangen.
Jetzt war ich so müde, dass ich meine rasenden Kopfschmerzen einfach der Müdigkeit zugrunde legte und hoffte, dass mein Rausch doch so beträchtlich war, dass ich schnell einschlief.
Ich war immer noch „ausgeklinkt“.
‚Morgen muss ich mich unbedingt wieder vernetzen, sonst platzt mir der Kopf.’ Das war mein letzter Gedanke, bevor ich in Morpheus Armen versank.


Es grummelte mir ein wenig in der Magengegend, als wollte meine innere Stimme mich zur Vorsicht mahnen.
„Wie läuft das alles ab? Ich meine die Installation der …“ Ich suchte nach dem richtigen Wort, kam aber nur auf: „Hardware.“
Und im selben Moment kam mir ein weiterer wichtiger Gedanke.
„Und was kostet der ganze Spaß? Doch nicht nur ein Dankeschön?“
„Wenn Sie es so nennen wollen“, entgegnete Professor Nurian, „Genauso viel.“ Sie lächelte verschwörerisch.
„Gehe ich richtig in der Annahme, dass sie das Angebot interessiert?“
Es grummelte wieder im Magen. Die Frau schien es zu hören und schmunzelte.
„Haben Sie Hunger? Darf ich Sie zum Essen einladen? Dann könnten wir die Einzelheiten erörtern.“
„Hmm, nein. Ja. Ein wenig schon.“ Gab ich beschämt zu und war zugleich froh, dass sie den wahren Grund meiner Körpergeräusche nicht vermutete. Oder doch?
„Gehen wir ins Nebenzimmer. Da ist es gemütlicher.“ Sagte Professor Nurian und erhob sich.
„Bis die Verhandlungen über den Fortlauf der Dinge noch nicht abgeschlossen sind, werden keine Untersuchungen durchgeführt. Deshalb darf ich Ihnen wohl ein Glas Wein anbieten. Weiß? Rot? Trocken? Lieblich?“
„Untersuchungen?“ presste ich zwischen den Zähnen hervor und fühlte mich einen Moment sehr unbehaglich. Dann kam jedoch der Genussmensch in mir zu Worte und ich sagte leise: „Am liebsten Rose´, gut gekühlt und lieblich.“
„Das ist doch ein Wort. Ich hoffe, Sie mögen Entenbrust.“ Sagte Frau Professor, winkte einladend in den Nebenraum, der schon beinahe ein Salon war und hieß mich auf einem bequemen Sofa Platz zu nehmen.
„Ich bitte Sie um einen kleinen Moment Geduld.“ Sagte sie und rauschte mit wehendem Kittel noch einmal nach draußen in das vordere Zimmer. Kurz nachdem ich sie einige Worte murmeln hörte, kehrte sie in den Salon zurück und meinte freundlich: „Es wird ein ganz klein wenig dauern, aber mein Lieblingsrestaurant bereitet die Speisen frisch zu und liefert sie umgehend hierher.“ Sie zögerte ein wenig, ehe sie weiter sprach. „Ich hätte Sie ebenso gut in dieses Restaurant einladen können, aber wissen Sie, ich verlasse das Institut so gut wie nie. Zuviel ginge verloren.“
Diese letzte Aussage konnte ich nicht ganz zuordnen und blickte die Professorin fragend an.
„Nun“, gestand sie lächelnd, „auch ich habe mich mit der Technologie der mentalen Kommunikation vertraut gemacht und möchte die Vorzüge derselben nur ungern missen. Es gibt aber auch einige kleine Nachteile. Und diese wären, dass man, wenn man den doch leider noch sehr begrenzten Radius des auf diese Aufgabe aufgerüsteten PCs verlässt oder sich aus der Vernetzung ausklingt, dass einem dann wichtige Gedanken, die in einem zirkulieren, nicht dokumentiert werden würden. Also verloren gingen, sofern man sich nicht an sie an einem anderen Zeitpunkt wieder erinnert. Stellen Sie sich vor, sie hätten eine durchbrechende Idee auf dem Gebiet der Forschung und genau dieser Gedanke geht Ihnen verloren, weil sie nicht vernetzt waren. Das wäre doch traumatisch!“
Ich jedoch wollte endlich zur Sache kommen und wiederholte meine Frage: “Wie also läuft die Sache ab? Wie meinten Sie, dass es mich allenfalls ein Dankeschön kosten würde? Was geschieht mit mir bei der Hardwareinstallation? Würde ich einen anderen…“ Ich hüstelte verlegen. „… einen leistungsfähigeren PC benötigen? Das könnte womöglich meinen finanziellen Rahmen sprengen. Was meinen Sie mit vernetzen?“
„Oh, so viele Fragen auf einmal!“ meinte Professor Nurian und lachte leise. Es war kein unfreundliches oder höhnisches Lachen. Es klang lediglich ein wenig belustigt.
„Natürlich benötigen Sie einen anderen PC.“ Sie machte eine weit ausholende Bewegung. „Es sei denn, sie hätten bereits ein arbeitswütiges Monstrum mit mindestens fünfzig Gigabyte Arbeitsspeicher und einer Festplattenkapazität von dreißig Terabyte. Sie müssen davon ausgehen, dass der überwiegende Teil ihrer Gedanken als normales Textdokument eröffnet und gespeichert wird. Wenn Sie keine Bilder, Videos oder andere speicherintensiven Zutaten einfügen, benötigen die einzig aus Worttext bestehenden Dateien nicht viel Platz. Das würde den relativ geringen Festplattenspeicherbedarf erklären. Aber aufgrund der Vielzahl der parallel ablaufenden Gedanken würden auch ebenso parallel zueinander die gleiche Anzahl dieser Textverarbeitungsdateien eröffnet werden. Und das benötigt viel Arbeitsspeicher. Von einem modernen Prozessor einmal ganz abgesehen. Das versteht sich von selbst.“
Ich nickte. Soweit hatte ich das begriffen, auch wenn ich nur ein stinknormaler Computernutzer und kein Experte war.
„Das bedeutet aber auch“, fuhr Professor Nurian fort, „dass Sie regelmäßig, empfehlenswert ist einmal mindestens wöchentlich, die Dateien durchsehen, bearbeiten und speichern oder löschen. Auf alle Fälle aber schließen. Sonst wären Sie vom Wust Ihrer eigenen Gedankendateien in kürzester Zeit hoffnungslos überfordert, da die Zahl der nicht geschlossenen Gedankendateien in Kürze in die Tausende gehen könnte.“
Auch diese Erklärung leuchtete mir ein. Wieder nickte ich verstehend und zustimmend.
„Kommen wir also nun zur Hardware. Das war doch der Punkt der Sie am meisten interessierte.“ Setzte Ermengard Nurian ihre Erläuterungen fort.
Mir blieb abermals nur ein Nicken.
Bevor die Professorin allerdings weiter sprechen konnte, summte es an der Tür und eine junge Brünette brachte das bestellte Essen und den georderten Wein herein. Sie richtete an, goss ein und verschwand dann wieder aus dem Salon.















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